Tanzcompagnie Rubato: "Blue-Sky Thinking" © Ufafabrik, Dieter Hartwig
Ufafabrik, Dieter Hartwig
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Uferstudios - Tanzcompagnie Rubato: "Blue-Sky Thinking"

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Ein wenig Hoffnung tut gut in unseren konfliktreichen Zeiten. Das mag sich die Tanzcompagnie Rubato gedacht haben, als sie an ihrem neuen Stück "Blue-Sky Thinking" gearbeitet hat. Nun fand die Uraufführung statt.

Und die Rubatos sind ihr großes Thema mit einem Quartett angegangen, mit zwei Frauen und zwei Männern, die wie Wanderer durch Traumgespinste, Wanderer durch die Zeit utopischen Momenten der letzten 100 Jahre nachspüren – vom Utopismus in der Bildenden Kunst der 20er Jahre über Martin Luther King und John Lennon bis hin zu Nelson Mandela.

Zu Beginn erwachen sie wie aus einem langen Schlaf unter einem riesigen samtig-seidenen roten Tuch, rekeln sich entspannt und wohlig und erkunden staunend die Welt, die weit und offen vor ihnen liegt – alles scheint möglich – dann kommen die Erinnerungen, dann beginnt ihre Reise.

Utopien hohl und schal geworden

Eine Reise, die sie wie in einem Stationendrama in verschiedene Situationen führt. In Skulpturen stellen sie Bildnisse des Utopismus nach: eng zusammengedrängt, die Köpfe erhoben, der Blick in die Ferne, die Fäuste gereckt – Vorwärts in eine neue Zeit – wie in den Gemälden und Plakaten u.a. der frühen sowjetischen Kunst. Eine strahlende Zukunft scheint vor ihnen zu liegen – nur sacken Gesichter und Körper in Kummer und Leid zusammen.

Die berühmte "I have a dream"-Rede von Martin Luther King erklingt nur in wenigen zerstückelten Tönen, wie auch die Rede von Nelson Mandela kaum erkennbar ist, wie eine zerfetzte, herangewehte Erinnerung wirkt.

Und dann singen sie zwar zart und leise "Imagine" von John Lennon, krabbeln dabei jedoch auf allen vieren und rempeln sich im Konkurrenzkampf an – "Life in Peace", wie Lennon singt, ist das nicht.

Das was einst für Millionen Menschen Hoffnung war, ist für sie mit dem Wissen, was daraus geworden ist, hohl und schal, was die Traurigkeit und Irritation in den Gesichtern und Körpern erklärt.

Das Hoffen Lernen

Die Rubatos, Jutta Hell und Dieter Baumann, halten es mit dem „Trotz Allem“. Hoffnung muss immer wieder neu erkämpft werden, ist kein Zustand der Ruhe, in dem man endgültig ankommen und bleiben kann. Man kann sich nach Hoffnung sehnen, wie sie es hier ausgiebig tun oder sich an Erinnerungen an Momente, in denen eine andere Welt möglich schien, klammern. Das bringt aber nichts, man muss das Hoffen lernen, wie Ernst Bloch das gesagt hat, den die Rubatos im Programmheft zitieren – die Zukunft als einen Raum der Möglichkeiten sehen und diesen dann tatkräftig und unverdrossen suchen.

Pfantasiegehemmte Episodenhaftigkeit

Zum Glück entwickeln die Rubatos schon immer, seit der Gründung der Compagnie 1985 ihre Stücke aus dem Raum, dem Körper, der Bewegung, suchen nach tänzerisch-bildhaften Ausdrucksformen für ihre Ideen und Themen – was sie von den heute jungen Tanzkünstlern und ihrer Fokussierung auf Konzept und Performance unterscheidet.
Diesmal jedoch scheinen das Thema, die Episodenhaftigkeit und Bildhaftigkeit und die Orientierung an Ikonen der Zeitgeschichte eher phantasiehemmend bei Tanz und Bewegung gewesen zu sein – ganz anders als in den meisten früheren Stücken mit ihrer oft ungeheuren Fülle an szenischen und tänzerischen Einfällen.

Hier sieht man zwar das Bemühen zu neuen Bewegungsformen, aber es bleibt bei vielen Kreis- und Reigentänzen, bei Stampf-Klatsch-Rhythmus-Märschen, bei folkloristischem Ringtanz und Kreiseln um sich selbst, bei Herum-Irrlichtern, bei Schwingen, Pendeln und Ausbalancieren – Gesten, Bewegungen und Tänze, die Hoffen, Sehnen, Vorwärtsdrängen und Verzweiflung ausdrücken – das ist überdeutlich, beliebig und zu wenig einfallsreich.

Noch einmal John Lennons "Imagine"

Ein völlig misslungener Abend ist dies jedoch nicht, dafür haben Hell und Baumann viel zu viel Erfahrung und Können im choreographischen Gestalten – hier haben sie einfach zu viel gewollt, im Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Immerhin ist dieses Stück zugänglicher als manche ihrer früheren und man weiß im besten Sinne nie, wie es weitergeht, was als nächstes kommt. Sie haben ihr Thema Hoffnung als Möglichkeitsraum ganz konkret genommen.

Aber John Lennons "Imagine" am Ende ein zweites Mal zu singen und zwar etwas traurig, aber unverzagt ins Publikum zu schauen bei der Zeile "I hope you will join us" – das ist dann doch zu wenig.

Frank Schmid, kulturradio

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