Volksbühne Berlin | Das 1. Evangelium © Julian Röder, 2018
Julian Röder, 2018
Bild: Julian Röder, 2018

Volksbühne Berlin - "Das 1. Evangelium"

Bewertung:

"Das Theater ist die Kirche der Zweifler", sagt der Regisseur Kay Voges zu seiner Inszenierung "Das 1. Evangelium", einem Schauspiel "frei nach dem Matthäus-Evangelium.

Die Berliner Volksbühne ist nach dem abrupten Ende der kurzen Intendanz von Chris Dercon nach wie vor beschädigt. Noch ist Interimsintendant Klaus Dörr am Sortieren und Neuordnen – und auf die Hilfe anderer Theater angewiesen, die mit ihren Inszenierungen das Programm aufstocken. So nun auch eine Übernahme vom Schauspiel Stuttgart: "Das 1. Evangelium" in der Regie von Kay Voges (Premiere in Stuttgart war im Januar 2018).

Wie viel Wahrheit steckt in einem Bild

Voges gilt als Digitalexperte und Medienbeauftragter des Theaters – und auch in seiner Bearbeitung dieser alten, biblischen Geschichten spielen Videoproduktionen die tragende Rolle. Und zwar nicht ausschließlich als formal-ästhetisches Mittel, sondern als Teil einer inhaltlichen Fragestellung. Voges erzählt nicht vorrangig die Passionsgeschichte Christi, er möchte viel mehr untersuchen, wie ikonografische Bilder entstehen, wie viel Wahrheit in einem Bild steckt – und wie viel Macht es dann auf unsere Wirklichkeit hat.

Nachvollziehbar und sinnvoll, dabei auf die Urbilder zurückzugreifen, die uns im christlichen Abendland tief eingebrannt sind – die von Jesu Geburt, seinem Leidensweg, der Kreuzigung und Auferstehung. Diese Stationen, Teil unseres kollektiven visuellen Archivs, verschaltet Voges mit der Bildproduktion, die unser visuelles Denken heute bestimmt: dem Kino, dem Film. Das Theater eignet sich für diese Untersuchung besonders gut, denn Voges kann in Filmsequenzen auf der Bühne zeigen, wie profan ein sakrales Bild bei seiner Entstehung wirkt – und wie viel Wirkung es dagegen auf der Video-Leinwand erzeugen kann. Die Grundfrage lautet dementsprechend: Was war zuerst da – der Glaube oder das Bild, das diesem Glauben eine Form gibt?

Volksbühne Berlin | Das 1. Evangelium | Christoph Jöde, Julischka Eichel, Felix Mayr, Paul Grill © Julian Röder, 2018
Bild: Julian Röder, 2018

Der Abend ist als Making-of eines Films über das Matthäus-Evangelium angelegt. Pier Paolo Pasolinis gleichnamiger Klassiker "Das 1. Evangelium" soll hier Pate gestanden haben, auch die Fotografien von Fred Holland Day, der vor 120 Jahren eine Passionsserie aufgenommen und sich dabei selbst als Christus inszeniert hat. Diese Vorbilder sind jedoch weder ohne Vorwissen aufzuspüren noch essenziell. Letztlich schaut man dem Regisseur Fred schlicht dabei zu, wie er Teile des Evangeliums inszeniert, Gelder zu akquirieren versucht, seine Schauspieler motiviert oder in Rage bringt.  

Auf der Drehbühne kreisen dafür viele Räume umeinander – ein amerikanischer Diner mit Namen "Paradise", eine düstere, heruntergekommene Hausfassade mit Telefonzelle und Mülltonen, darüber Neon-Schriftzüge, ein Trailerpark. Es könnte die Kulisse eines David-Lynch-Films sein. Doch auch hohe Säulen hinter römischen Soldaten aus der Kaiserzeit kreisen über die Bühne, daneben eine Kapelle in goldenem Kerzenlicht. Die Räume werden gefilmt und auf vier Leinwände übertragen, oft flimmern verschiedene Bilder gleichzeitig über die Schirme.

Alles geschieht parallel: In einem Atelier stellen Spieler die Beweinung Christi in altmeisterlichem Stil nach, davor trägt ein Jesus sein Kreuz auf dem Rücken, ein Engel mit weißen Flügeln läuft durchs Bild, nebenan im Wohnwagen gebiert Maria unter Schmerzen ihren Sohn – und in der selben Sekunde, als die Nabelschnur durchgeschnitten wird, ruft Fred "Cut", die Szene ist im Kasten und wird auf der Bühne aufgelöst. Dazu schweben Weihrauchschwaden und Bachs Matthäus-Passion synästhetisch durch den Raum. Eine Reizüberschwemmung, bei der Bild-, Ton- und Geruchspartikel einander überlagern.

Volksbühne Berlin | Das 1. Evangelium | Julischka Eichel © Julian Röder, 2018
Bild: Julian Röder, 2018

Julischka Eichel: eine Suchende

Julischka Eichel soll in Freds Film den modernen und zugleich historischen Jesus geben und tritt zusammen mit Paul Grill als Fred am stärksten in den Mittelpunkt der Inszenierung. Auf der Leinwand sieht man sie als leidenschaftlichen Gottessohn, als Revoluzzer, als Liebes- und Heilsbringer. In Etappen schreitet sie die wuchtigen, starken Mythen des Matthäus-Evangeliums ab: die Bergpredigt mit ihren Seligpreisungen, die Versuchung durch den Teufel, die Ermordung Johannes des Täufers, die Gleichnisse, die Kreuzigung. Doch der Blick auf die Bühne offenbart dann die Schauspielerin Julischka Eichel, die zu diesem Jesus ausschließlich für Freds Film mutiert. Abseits der Filmbilder gerät sie mit Kollegen in nachdenkliche Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des ganzen Projekts und darüber, inwiefern man ihr als Frau den Jesus überhaupt abnimmt.

Doch Voges will den Glauben, die Religion hier nicht als bloße Inszenierung entlarven, letztlich enthält er sich jeder eindeutigen Bewertung und lässt Eichel auch auf der Bühne und nicht nur im Film eine Suchende geben, eine Zweifelnde, die nach Liebe und Sinn fragt.

Fulminantes Bildertheater

Am Berliner Ensemble hat Kay Voges mit "Die Parallelwelt" zuletzt ein digitales Großexperiment inszeniert, bei dem Schauspieler in Berlin und Dortmund zeitgleich auf der Bühne stehen und per Video verschaltet sind. Ein Abend mit starker Bildregie – der inhaltlich jedoch deutlich hinter seinem hohen philosophischen Anspruch zurückbleibt, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen greifbar zu machen. Auch im "1. Evangelium" zeigt Voges, dass er fulminantes Bildertheater und großes Kino kann. Und weil er die Herstellung des Bildmaterials offenlegt, wäre der Vorwurf einer reinen Überwältigungsstrategie falsch.

Selbstironische Einschübe, Zitate von Deleuze bis Benjamin brechen die Inszenierung immer wieder auf. Doch gerade diese diskursiven Einschübe machen den Abend arg verstiegen. Voges lässt den Zuschauer kaum inhaltlich und substanziell ins Matthäus-Evangelium eintauchen, sondern beschäftigt sich auf Metaebenen mit der Frage nach der Produktion von Kunst. Den Kopf und die Augen kann er dabei klug beschäftigen – die Emotionen weniger. Und da man die Thesen und Themen des Abends bald verstanden hat, dreht sich die Bühne in der zweiten Stunde mehr und mehr im Leerlauf. Ideenkonstrukt und Bildschnipsel allein können das Heil nicht bringen.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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