Deutsche Oper Berlin: Norma mit Edita Gruberová; Foto: © Bettina Stoess
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Deutsche Oper Berlin - Abschied von der Deutschen Oper Berlin - Edita Gruberová

Bewertung:

Nach wie vor gilt Edita Gruberová als unbestrittene Königin des dramatischen Belcanto.  Am 23. Dezember wird Edita Gruberová 72 Jahre alt und so langsam verabschiedet sich die große Sängerin von der Bühne.

Abschiedsgalas sind stark aus der Mode gekommen; wahrscheinlich, weil das Publikum sie für traurig hält. Zwar sah man, dass auch der großen Edita Gruberová der Anlass an die Nieren ging. Aber nur daran, dass sie noch wahnwitziger und virtuoser verziert und hohe Töne einschmuggelt, als wolle sie allen noch einmal zeigen, was eine Harke ist.

(Kein kein falsches Bild, denn sie ist Gärtnerin aus Passion.) Auch hat sie uralte Partien von einst noch einmal aufgenommen, damit der Kreis sich schließt (z.B. "Beatrice di Tenda"). Sie lässt ausgelassener die Komikerin frei denn je. Sonst stehen Abschiede meist unterm dunklen Stern schwindender Mittel. Wenn dies hier ein Abschied war?, dann: À la bonheur!!

Sie wurde immer besser

Nur teilweise klappt es, sich in jungfräuliche Rollen zurückzuversetzen. Die Rosina aus dem "Barbier von Sevilla" wird witziger – und lehrreicher. Denn Gruberová zeigt, dass Koloraturen bei Rossini erstmalig Mittel der Komik wurden. Hört man sonst nie!! Was sie nicht mehr kann – und trotzdem tut – ist der "Frühlingsstimmenwalzer" von Johann Strauß; weil Jugend dem Herbst dieser Stimme nun doch fehlt. Auch wo ebenmäßiger gestaltet werden müsste wie in Bellinis "Straniera" (die nie ihre stärkste Rolle war), strauchelt sie und singt mit zu spitzer Zunge. Die höchsten Töne sind alle da. Nur mittendrin flimmerts und fehlt die Durchschlagskraft. Die blutjunge Ophélie in "Hamlet" dagegen kriegt sie unschuldiger über die Rampe als eine 16-Jährige. Wir haben es vorher gesagt, wir sagen es wieder: Bei demnächst 72 Jahren ist diese Sängerin ein naturhistorischer Hotspot.

Ihre Bedeutung bestand einerseits in Koloraturvirtuosität, die in ihrer Generation einzig war. Wobei andererseits die Nachtigallen ihres Zwitscherrepertoires immer einen kleinen Walküren-Helm zu tragen schienen. Da war Wehrhaftigkeit drin, und genau das ermöglichte ihr den singulären Schritt zum dramatischen Belcanto. Und zwar mit der Pointe, dass sie – bei zunehmenden Jahren und immer wahnsinnigeren Tudor-Rollen – eigentlich immer besser wurde.

Ein Wort zum Kleid

Nur noch in Galas aufgetreten ist sie bei weitem nicht überall. In München, Zürich (wo sie lebt) und in Wien hat man bis zuletzt immer wieder Inszenierungen eigens für sie anfertigen lassen oder im Spielplan gehalten. In Berlin dagegen, zum Beispiel in der Ära von Götz Friedrich, war sie gar nicht so gut gelitten. (Während man der schrecklichen Lucia Aliberti den Vorzug gab.) Man sollte daher dankbar sein, wie lobend sie sich jetzt über ein Haus äußerte, in das man sie auf der Gala-Schiene noch mal so knapp zurückbugsiert hat (nachdem sie vor 38 Jahren hier die noch heute gespielte "Lucia di Lammermoor"-Aufführung aus der Taufe hob). Das Orchester gestern macht einen guten Job – bei Donizetti und Meyerbeer; wird aber ansonsten von Peter Valentovic mit zu weichem Spachtel dirigiert.

Ein Wort zum Kleid? Ich werde immer gerügt für meine Beschreibungen Bratislavaer Auftrittsgarderobe (natürlich zu Recht). Begnügen wir uns mit dem Hinweis: Vor der Pause ein Traum in Fleischfarben. Nach der Pause die After Eight-Variante davon: in Minze. Alles gleichmäßig gut mit Strass bekrümelt.

Das nächste Abschiedskonzert

Die Karriere der Gruberová ist mitnichten vorüber. Warum auch?! Im Februar kehrt sie als Lucia di Lammermoor nach Budapest zurück. Im März folgt "Roberto Devereux" szenisch in München. Bei den Zugaben wollte sie gern den Eindruck erwecken, das Reservoir sei leer: mit beiden Adele-Liedern aus der "Fledermaus" (schon früher bei derlei Gelegenheiten zum Besten gegeben) und mit der "Butterfly"; jener Rolle, für die sie Sängerin werden wollte (ohne sie je zu singen). Die ihr nachgeflüsterten Liebes-Titulaturen – etwa "Slowakische Nachtigall" oder, auch hübsch: "Primadonna assolutóva" – hat sie noch einmal mutig und bravourös verteidigt. Eigentlich hätte sie sagen können: 'Ich freue mich heute schon auf mein nächstes Berliner Abschiedskonzert.'

Kai-Luehrs Kaiser, kulturradio

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