Bühnenszene: "Persona"
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Persona"

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Nach einem Auftritt als Elektra verfällt die Schauspielerin Elisabeth Vogler in rätselhaftes Schweigen. Die  junge Krankenschwester Alma erhält die ungewöhnliche Patientin zur Pflege. Zwei ungleiche Frauen verbringen nun gemeinsam ihre Zeit - bis die Situation kippt. Anne Bergmann inszeniert die Bühnenfassung des Ingmar Bergman-Filmes von 1966. Barbara Behrendt hat die Premiere gesehen. 

Eine Theaterschauspielerin, die mitten in einer Aufführung verstummt, weil sie die Verstellung nicht mehr erträgt. Was ist Wahrhaftigkeit, welche falschen Rollen spielt man im richtigen Leben? Eigentlich ein Setting wie gemacht für die Bühne – es ist jedoch Ingmar Bergmans berühmter Film "Persona", der sich 1966 an diesen Fragen abarbeitete, mit Liv Ullmann in der Titelrolle. Eine Bühnenadaption hatte nun am Deutschen Theater Berlin-Premiere, mit Corinna Harfouch in einer der beiden Hauptrollen.

Spiel mit Form und Bildern

Als Kammerspiel mit nur zwei Hauptrollen und zwei kleinen Nebenrollen ist das Drehbuch auch ein geeigneter Bühnenstoff.

Elisabet, die große Schauspielerin, kommt ins Krankenhaus, weil sie monatelang das Sprechen verweigert – zur Unterstützung bekommt sie Schwester Alma zur Seite gestellt. Weil sich Elisabet jedoch als völlig gesund erweist, bietet die Ärztin der berühmten Diva ihr Haus am Meer an, in dem sie sich eine Zeitlang mit Schwester Alma erholen soll – dort entfaltet sich der Stoff dann erst. Elisabet schweigt, Alma gerät mehr und mehr ins Reden.

Heißt für die Bühne: Eine Figur stemmt den kompletten Text, die andere spricht allein mit Gestik und Mimik. Ingmar Bergmans Film erschöpft sich nicht in einem überschaubaren Plot, er hat viel mehr einen experimentellen Film geschaffen, der mit Form und Bildern spielt. Dieses surreale Moment hat die Theaterregisseurin Anna Bergmann (nicht verwandt mit dem Filmregisseur) in ihrer Inszenierung stark gemacht.

Rollen-Spiegelung Berlin / Malmö

Im Krankenhaus-Teil ist die Bühne ein kleiner, weißer, halbrunder Raum, mit Papiervorhängen nach hinten abgetrennt. Hier liegt Karin Lithmann in der Rolle der Elisabet auf dem Boden – als Zuschauer befinden wir uns in ihrem Kopfinnenraum: Die Stimme der Ärztin und der Almas werden als Playback dröhnend aus dem Off eingespielt und Elisabet wird überflutet von inneren Bildern, die sie in unterschiedlichen Alltagsrollen projiziert zeigen: als Königin mit Einkaufstüten, als eine Art Medea, die ihren Sohn ins Bett bringt.

Wenn dann die Reise ans Meer ansteht, lässt ein Bühnenregen die Vorhänge abreißen und wäscht Elisabet das Papierkleid vom Körper, sodass sie fast nackt, eingerollt wie ein Embryo, am Boden liegt, während am hinteren Bühnenrand eine Muschel aufragt, die aus Spiegeln besteht. In dieser nassen Muschel, diesem abstrakten, auch kitschigen Schutzraum, beginnen die Spiegelungen, die Fragen nach Identität und Rolle.

Die beiden Spielerinnen tauschen tatsächlich die Rollen: Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Theater in Malmö – in Schweden spielt Corinna Harfouch die schweigende Schauspielerin und ihre jüngere schwedische Kollegin Karin Lithman die plappernde Krankenschwester, in Berlin ist es umgekehrt.

Das ist nicht allein der Sprache geschuldet – natürlich passt diese Rollen-Spiegelung auch zum psychologisch-philosophischen Stoff. Neu ist das nicht: Amélie Niermeyer hat in ihrer „Persona“-Inszenierung 2012 in München dasselbe in einer deutsch-israelischen Koproduktion gemacht.   

 

Bühnenszene "Persona"
Bild: Arno Declair

Fließende Identitäten

Bergmanns Inszenierung verändert sich in der Berliner Fassung sicher stark – hier spielt Harfouch, die ältere der beiden, die naive Krankenschwester, die die junge Schauspielerin bewundert.

Harfouch ist als biedere, in die Jahre gekommene Schwester kostümiert, sie kniet sich zum Gebet nieder, trägt einen streng geflochtenen Zopf, Häubchen und Brille – man erkennt sie zunächst kaum. Umso mehr sie Elisabet jedoch erzählt, in ihre Erinnerung eintaucht, desto jünger und befreiter wirkt sie. Und auch Karin Lithman blüht in der Muschel auf, spielt selbstbewusst mit ihrem Körper, mit ihrem Gesicht, ihrem Blick – bis ihr Schweigen für Alma plötzlich zur nur noch grausamen Macht mutiert.

Die Macht des Schweigens, Wahrheit und Wirklichkeit – Anna Bergmann verhandelt die Fragen, die im Film aufgeworfen werden, explizit. Alma benutzt Elisabet als Projektionsfläche, während Elisabet in eine neue Rolle wächst – die der Schweigenden. Die Frauen gleichen sich äußerlich an, ihre Identitäten fließen ineinander.

Hoch symbolisch und bedeutungsschwer

Die Regisseurin stellt all das hoch symbolisch und bedeutungsschwer in den Raum. Alles, was sich im Film zwischen den Zeilen bewegt, rätselhaft bleibt, wird hier ausgestellt.

Die Frauen malen sich Masken auf, ringen miteinander im Wasser, beißen sich, küssen sich, spiegeln sich im Bühnenbild – ästhetisch wirkt der Identitäts- und Rollenkampf überdeutlich.

Ebenso wie die Schlusssequenz. Da beginnt Elisabet plötzlich zu sprechen, sagt: „Verdammte Scheiße, wo sind meine Schuhe?“, und setzt sich einfach ins Publikum. Mag sein, dass Anna Bergmann, die am Theater in Karlsruhe die Schauspielsparte leitet, dort mit einer Frauenquote von hundert Prozent angetreten ist und sich oft an großen Frauenfiguren abarbeitet, hier auch ein feministisches Zeichen setzen und die stumme Frau eine neue, selbstbestimmte Entscheidung treffen lassen wollte.

Daraus ist allerdings ein Ausrufezeichen gesetzt, das nicht zum philosophischen Spiel passen will.

Ein Kopfkonstrukt, das kaum berührt

Ansonsten bleibt der Abend oft unterkühlt, schematisch, fern. Die Figuren und ihre Identitätsprobleme gehen einen wenig an, sie haben kein Fleisch und Blut, sondern bleiben ein Kopfkonstrukt, das kaum berührt. Ganz anders als Ingmar Bergmans Film-Klassiker, der einen auch heute, 52 Jahre später, emotional sehr wohl aufwühlen kann

Barbara Behrendt, kulturradio

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