Bühnenfoto "Ein Sportstück"
UdK Daniel Nartschick
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UNI.T – Theater der Universität der Künste Berlin - "Ein Sportstück"

Bewertung:

Elfriede Jelineks "Sportstück" ist kein Stück über Sport, sondern über Krieg, Massenhysterie, Gleichschaltung, Leistungsdrill – der Körper als Kampfmaschine.

Sport ist Mord – mit diesem Kalauer könnte man den Inhalt des "Sportstücks" zusammenfassen, das Elfriede Jelinek, die Königin der Kalauer, vor 20 Jahren geschrieben hat. Noch immer ist der Name Einar Schleef eng mit dem "Sportstück" verbunden: Schleefs siebenstündige Uraufführung am Wiener Burgtheater mit rund 150 Darstellern hat Theatergeschichte geschrieben und sorgte 1998 beim Berliner Theatertreffen für Furore. An der Universität der Künste haben sich jetzt Schauspielstudierende aus dem dritten Studienjahr unter der Regie von Hermann Schmidt-Rahmer daran abgearbeitet.

Ein Kraftakt - mit links gemeistert

Keine sieben, sondern nur zweieinhalb Stunden dauert der Abend, was für die neun jungen Spieler (vier Frauen, fünf Männer) natürlich immer noch ein Kraftakt ist – den sie allerdings mit links zu meistern scheinen.

Kürzen und bearbeiten muss man den Text ohnehin – wer je ein Stück von Jelinek gelesen hat, der weiß, dass darin keine eindeutigen Figuren, keine Dialoge, kein Spannungsaufbau enthalten ist. Es sind Textflächen, aus denen sich Regisseure bedienen sollen wie aus einem Steinbruch.

Schmidt-Rahmer hat das Sportstück 2012 bereits am Nürnberger Staatstheater aufgeführt und diese Spielfassung nun auch hier zur Grundlage genommen.

Kein Stück über Sport

Letztlich ist das "Sportstück" kein Stück über Sport, sondern über Krieg, Massenhysterie, Gleichschaltung, Leistungsdrill – der Körper als Kampfmaschine. Bei Jelinek ersetzt das Mannschaftstrikot die moderne Uniform; Leistungssportler sind Soldaten, die ihren Körper fürs Heimatland opfern. Die Autorin kommt jedoch wie immer vom Hütchen aufs Stöckchen: Auch eine erfolgssüchtige Mutter spricht, die ihren Sohn ins Rennen hetzt; eine mordsüchtige Witwe, die alte Männer um ihr Vermögen erleichtert und dann um ihr Leben – Mord ist ihr Lieblingssport (so viel zu den Kalauern).

Jelinek hat sich zudem selbst in den Text eingeschrieben, kommentiert hämisch ihre eigene Autorenschaft, arbeitet sich an ihrer dominanten Mutter und ihrem abwesenden Vater ab.

Zentral sind die Passagen des Chores. Er beklagt das Verschwinden des Individuums in der Masse – beim Sport wie im Krieg. Jelinek schreibt im Vorwort zum Stück an künftige Regisseurinnen und Regisseure: "Machen Sie, was Sie wollen. Das einzige, was unbedingt sein muss, ist: griechische Chöre." Einar Schleef hatte dafür damals 80 Menschen auf die Bühne gestellt, die sich martialisch und einschüchternd formierten wie eine Armee. Schmidt-Rahmer dagegen hat die Chöre weitgehend gestrichen.

Thematisch walzt er ausgerechnet die Aspekte aus, die bereits im Stück eher abseitig sind: das Mutter-Sohn-Thema, die Mörder-Witwe, der Selbsthass der Autorin. Eine Szene reiht sich hier an die nächste, ohne, dass man ein großes Ganzes ausmachen könnte.

 

Szenenfoto "Ein Sportstück"
Bild: UdK/Daniel Nartschick

Eine Turnhalle voller Fat-Suits

Bühne und Kostüme wirken dagegen durchaus nachvollziehbar. Die Zuschauer sitzen auf der Drehbühne und schauen auf eine Turnhalle, wie man sie aus dem Sportunterricht in der Schule kennt: blaue Matten liegen herum, ein Sprungbrett, ein Gymnastikball – aber auch Kinderspielzeug: ein Bobbycar, ein Dreirad, Skateboards. Dieses Trainingslager für Söhne, Sportler, Soldaten hat der Bühnenbildstudent Orli Baruch entworfen.

Die Kostüme stammen von den Studentinnen Viktoria Mechle und Emily Lisa Schumann. Sie haben die Spieler in unterschiedlich dicke Fat-Suits gesteckt, auf denen der Körper mit seinen Sehnen und Muskeln abgebildet ist. Das wirkt komisch, aber auch grotesk und gruselig, als seien diese Menschen gehäutet, gefoltert, auf ihre Muskelmaschine reduziert, kurz vor der Skelettierung. Und: In diesen Kostümen verschwindet tatsächlich das Individuum in der Masse.

 

Da macht das Zusehen Spaß

Der einzige, der in der ersten Szene noch mit orangefarbener Haartolle à la Jelinek auftritt, ist Franziskus Claus. Er weist als gestrenge Autorin länglich vortragend ins Stück ein und wird schließlich von der Bühne gescheucht. Eine auf Humor und Ironie gebürstete Nummer – in diesem Ton bleibt der Abend leider oft stecken.  

Die Spielerinnen und Spieler verausgaben sich jedoch durch und durch und zeigen, wie viel Energie, Talent und Professionalität in ihnen steckt. Da macht das Zusehen Spaß.

Manuel Bittorf beweist sich als großer Situationskomiker, der jeden Kalauer mit dem nötigen Ernst herauszuspucken weiß.

Ruby Commey dagegen besitzt eine auffällige, ruhige Kraft und Präsenz. Am Ende spielt sie, ganz ohne Fatsuit, eine um ihren Vater trauernde Jelinek – inhaltlich erschließt sich die Szene kaum, doch die raren nachdenklichen Töne trifft Commey gut.

 

Eine auf Witz getrimmte Gymnastikstunde

In einer einzigen Szene nur spürt man die scharfe Attacke, die im Text steckt: Ein Teil des Bodens senkt sich in die Tiefe und immer wieder fällt ein Spieler wie erschossen hinein – die Turnhalle wird zum Grab, zum Schützengraben.

Grundsätzlich jedoch ist dieses mäandernde Stück, vor allem in Schmidt-Rahmers Fassung, ein Fehlgriff. Keine bissige Gesellschaftsdiagnose weiß der Regisseur daraus zu destillieren, stattdessen macht er eine auf Witz getrimmte Gymnastikstunde daraus, die die Studierenden fast ausschließlich die Ironie- und Scherz-Ebene bedienen lässt. Im zweiten Teil mündet die Inszenierung in eine völlig überflüssige Talkshow-Verballhornung und in ein abgegriffenes Rechtspopulisten-Bashing.

Um die erfolgreiche Arbeit der Studierenden zu begutachten, lohnt sich der Abend allemal – die Inszenierung an sich ist jedoch zu seicht geraten und zerfasert zusehends.    

Barbara Behrendt, kulturradio

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