Jan-Lisiecki © Holger Hage/Deutsche Grammophon
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Konzerthaus Berlin - Academy of St. Martin-in-the-Fields mit Jan Lisiecki

Bewertung:

Eigentlich wollte Murray Perahia mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields alle fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven aufführen. Er ist erkrankt, und der junge Jan Lisiecki sprang für ihn ein. Ein jugendlicher erster Versuch.

Das ist schon mutig – für eine Legende wie Murray Perahia einzuspringen. Entsprechend war der Große Saal des Konzerthauses Berlin nur zu drei Viertel gefüllt. Immerhin ging es um nichts Geringeres als Beethoven-Klavierkonzerte, und das im Zyklus trauen sich und traut man eben nur solchen großen Namen wie Perahia zu.

Jan Lisiecki geht mit seinen 23 Jahren fast ein wenig klischeehaft jugendlich an diese Aufgabe heran. Äußerlich wirkt er bescheiden, fast schüchtern und freundlich. Am Flügel kann er es dann kaum noch erwarten. Seinen ersten Einsatz im zweiten Klavierkonzert unterstreicht er mit selbstbewusster Geste – ganz im Sinne des jungen Beethoven. Dann aber kann er sich nicht mehr halten und eilt davon.

Die Suche des Beginns

In seiner Auseinandersetzung mit Beethoven ist Jan Lisiecki noch ganz auf der Suche. Mit dem vierten Klavierkonzert von Beethoven hat er dann auch einen der schwersten Anfänge überhaupt. 15 Sekunden hat der Pianist, um ganz alleine eine Frage zu stellen, das Motto vorzugeben.

Lisiecki weiß um diese Bürde, spürt diese Last. Da ist der erste Akkord – mit traumhaft weichem Anschlag, dann aber fängt er an, die folgenden Akkorde hüpfen zu lassen, hält wieder inne – und schnalzt den kleinen Lauf nach oben. Da ist durchaus eine Ahnung, aber noch keine konkrete Vorstellung. Hier rettet er sich, Beethoven jugendlich und frech die Zunge herauszustrecken. Eine Lösung, aber eher eine Verlegenheitslösung.

Beethoven ist kein Ponyhof

Jan Lisiecki hat eine brutal schwere Aufgabe in kürzester Zeit übernommen. Dass er da noch nicht alles wirklich ausfüllen kann, versteht sich von selbst. Manchmal rettet er sich in seine hervorragende Virtuosität, lässt Läufe losknattern und brennt ein Feuerwerk an Tonkaskaden ab, so dass manchmal das Orchester kaum nachkommt oder er sogar einmal selbst über seine Finger stolpert. Akzente werden zu Backpfeifen.

Dann aber finden sich Momente, in denen er tatsächlich die Zeit anhält, das Tempo zurücknimmt, sich ganz auf den Augenblick konzentriert, in tausend Pastellfarben zeichnet. Oder er findet den unerbittlichen Beethoven, der ernst und dem Schicksal trotzend die Faust ballt. Da kommt er Beethoven phasenweise schon sehr nahe, wenn er weiß: Beethoven ist kein Ponyhof.

Er ist 23

Man hört eindeutig ein herausragendes Talent. Jan Lisiecki hat alle Anlagen: Anschlagsmöglichkeiten, ein Klangfarbenspektrum, er kann Ruhe ins Spiel bringen, einen großen Klangraum schaffen. Er ist eine Riesenbegabung. Da stören nur die Zirkuskunststücke, denn es geht um anderes: Beethoven ist wie ein Bildhauer, der große Skulpturen erschaffen hat, und die muss der Interpret zum Leben erwecken.

Aber man darf nicht vergessen: Lisiecki ist erst 23 Jahre alt. Da hat er es verdient, dass man ihm Zeit gibt, bevor man ihn an den ganz Großen misst. Dass er jetzt in relativ kurzer Zeit gleich mit allen fünf Klavierkonzerten von Beethoven eingesprungen ist, ist aller Ehren wert.

Kein Beethoven-Orchester

Die Academy of St. Martin-in-the-Fields hat ihren Ruf und ihre Berühmtheit durch die vielen Werke für Kammerorchester erlangt, die bis dahin kaum jemand kannte. Ein gutes Beethoven-Orchester ist es nicht. Da versucht man in der "Coriolan"-Ouvertüre mit etwas unverbindlicher Schroffheit den Eindruck eines Originalklangensembles zu erwecken, hart und schnörkellos.

Die Klavierkonzerte werden solide und unverbindlich begleitet. Es funktioniert irgendwie, ohne dass man echte Akzente setzen kann. Murray Perahia, der eigentlich vorgesehen war, ist 1. Gastdirigent der Academy, und er wollte diesen Beethoven-Zyklus eben einfach machen. Dem Orchester hat er damit keinen Gefallen getan.

Andreas Göbel, kulturradio

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