András Schiff © Yutaka Suzuki
Bild: Yutaka Suzuki

Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester unter Iván Fischer mit András Schiff

Bewertung:

Das Konzerthaus ehrt die Wiener Philharmoniker. Aber bevor die überhaupt kommen, gibt das Gastgeberorchester den Auftakt. Der Artist in Residence András Schiff beglückt mit Brahms, und der ehemalige Chefdirigent Iván Fischer mit Schubert.

Die Wiener Philharmoniker sind vor ihrem traditionellen Neujahrskonzert ein bisschen auf Tournee, und neben München und Köln eben auch zweimal in Berlin. Und weil das Konzerthaus gerne kleine Festivals veranstaltet, macht man gleich zehn Tage daraus, mit den Wiener Kammermusikensembles, und da darf das Konzerthausorchester als Berliner Gastgeber natürlich nicht fehlen.

Das Programm ist dann notgedrungen ein bisschen konstruiert: die "Fanfare für die Wiener Philharmoniker" von Richard Strauss, dann Johannes Brahms als zugezogener Wiener und Franz Schubert als gebürtiger Wiener. Auch die beiden Ungarn Iván Fischer und András Schiff könnten als Hinweis auf ein halbes Jahrhundert Österreich-Ungarn gedacht gewesen sein. Ein bisschen zurechtgebastelt ist das schon.

Schlechte Musik von Richard Strauss

Seine "Fanfare für die Wiener Philharmoniker" hat Richard Strauss für den ersten Ball der Wiener Philharmoniker komponiert. Das ist fast ein Jahrhundert her, aber bis heute gibt es das Stück zur Eröffnung dieses Balles, auch wieder in gut einem Monat. Das ist ein origineller, augenzwinkernder Bezug.

Andererseits bleibt nicht verborgen, dass dieses 3-Minuten-Stückchen für Blechbläser und Pauken eben wie eine Fanfare aus aufgedonnertem Pathos, Geschmetter und hohlem Gedröhne besteht, teilweise ohrenbetäubend. Es erfüllt seinen Zweck, ist ein auf Funktionalität zugeschnittenes Nichts. Auch Richard Strauss hat schlechte Werke komponiert, und dieses gehört ganz klar dazu.

Lebendige Kompetenz

András Schiff ist zu Recht gefeiert als einer der größten Bach-Interpreten der Gegenwart. Kein Wunder, dass er diese Fähigkeiten eines strukturellen Verständnisses, einer Durchdringung, des Eindringens in die hintersten Winkel der Musik auch auf das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms ausweitet. Auch ist er überhaupt kein Selbstdarsteller, kein Solist, der sein Können zur Schau stellen will. Er ist ein Teamspieler. Immer wenn das Orchester alleine zu tun hatte, drehte er sich hin und lauschte aufmerksam.

Sein Beginn war ein Nachdenken über Musik, ein Eintauchen in Strukturen. Das war ein bisschen wie eine Museumsführung: Man wird auf dieses und jenes Detail hingewiesen. Und man hat András Schiff wirklich in jedem Moment gerne zugehört, unglaublich viel gelernt. Er ist wirklich ein Prototyp für lebendige Kompetenz.

Diener der Musik

Sicher besteht die Gefahr, dass ein solcher Kopfmensch wie András Schiff die Emotion vernachlässigen könnte. Aber da hat sich das Zusammenspielt mit Iván Fischer bewährt. Als Schiff am Beginn mit seiner kleinen nachdenklichen Kadenz fertig war, hat Fischer gleich mal alles Zögern und Grübeln hinweggefegt. Und diese Pole haben die Aufführung zum Ereignis werden lassen.

Sicher könnte man kritisch anmerken, dass András Schiff bei den technisch unangenehmen Stellen einige Defizite offenbarte, dass sein Anschlag beim Versuch, wirklich alles so deutlich wie möglich darzustellen, auch einigermaßen hölzern klingen konnte. Aber das spielte dann überhaupt keine Rolle, denn Schiff ist ein großer Erzähler. Er bringt den Gehalt der Musik so nahe, dass man sich dem kaum entziehen kann. Und er spielt liebevoll, man fühlt sich von seinen Tönen einfach umarmt. Und das zählt. Er ist ein Diener der Musik, oder noch einfacher: einfach einer der größten Musiker überhaupt.

Mitreißender Schubert

Franz Schuberts vierte Sinfonie ist ein rätselhaftes Werk, ein Jugendwerk, dessen Titel "Tragische" wenig zur Klärung des Gehalts beiträgt. Hier hat sich Schubert zweifelsohne ausprobiert. Man spürt ein gewisses Pathos, und dieses Spannungsverhältnis hat Iván Fischer mit seinem Ex-Orchester zunächst mustergültig umgesetzt. Die ganzen Gesten: Seufzer, Unruhe, Bewegung, das alles klang diszipliniert und genau, zudem in einer Klangkultur, die man auf diesem Spitzenniveau vom Konzerthausorchester lange nicht gehört hat.

Trotzdem war das zunächst gute Musik, gut gespielt, die allerdings die Welt nicht verändert, also: ganz nett, das läuft ab, brummt und federt. Dann aber – im Finale – kam die Steigerung. Man konnte es sehen: Iván Fischer ballte mehrmals die Faust, wollte mehr – und bekam es. Er hat die Musikerinnen und Musiker herausgefordert und mitgerissen, der Musik echtes Temperament eingeflößt. Da wirkte die Musik wie abgehoben, 2cm über dem Boden schwebend. Und so ist aus einem guten Abend ein großartiger Abend geworden. Fortsetzung folgt hoffentlich: Iván Fischer mit Schuberts "Großer" in ein paar Tagen am Pult der Berliner Philharmoniker.

Andreas Göbel, kulturradio

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