Christian Gerhaher, Bariton; Foto: © Carsten Kampf
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Iván Fischer mit Christian Gerhaher

Bewertung:
Der Bariton Christian Gerhaher erkämpft sich Orchesterlieder von Hugo Wolf, und Iván Fischer würfelt die Berliner Philharmoniker kräftig durcheinander – originell, aber wenig überzeugend.

Christian Gerhaher ist einer der derzeit besten Liedinterpreten überhaupt. "Sänger" ist da eine viel zu geringe Bezeichnung – er ist ein Erzähler mit seiner Stimme. Und gerne geht er in die Extreme.

Bei der Ballade vom "Feuerreiter" von Hugo Wolf nach Eduard Mörike wirkt es wie echte Panik bei der Schilderung des in den Flammen verbrennenden Reiters. Da schleudert er seine Verzweiflung heraus, um im nächsten Moment ganz tonlos zu wirken. Das ist kein Wohlklang, und es lässt nicht kalt.

Magier der Gestaltung

Große Liedkunst im Großen Saal der Berliner Philharmonie ist eine Herausforderung, da kann die Intimität der Lieder schon mal verloren gehen. Christian Gerhaher kann damit und mit dem oft zu lauten Orchester sehr gut umgehen – er holt sich den intimen Raum auf andere Weise zurück.

Gerhaher ist ein Meister der Textverständlichkeit. Jedes Wort ist an der richtigen Stelle, und es berührt. Über 2000 Menschen sind in der Philharmonie, und doch klingt es so, als ob er für jeden einzelnen allein singt, als ob er jedem mit seiner Stimme in die Augen blickt. Christian Gerhaher ist ein Magier der Gestaltung. Danach musste man erst einmal kräftig durchatmen.

Übergewichtig

Die Berliner Philharmoniker unter Iván Fischer machen es Christian Gerhaher alles andere als leicht. Fischer dirigiert das Orchester, als wenn das reine Orchesterstücke wären. Ständig besteht die Gefahr, dass die Klangwogen den Sänger verschlucken, so dass dieser manchmal sogar schreien und sich in einen Operngestus retten muss.

Nun mag Iván Fischer einen süffigen Klang mit artikulatorisch pointierten Ecken und Kanten. Aber das ist nicht für alle Stücke geeignet. Die Legenden von Antonín Dvořák hat man schon sehr viel leichter und athletischer gehört. Es wirkte, als würde er das Orchester einfach laufen lassen und hätte die Probenzeit für anderes benötigt.

Bäumchen wechsle dich

Franz Schuberts Große C-Dur-Sinfonie ist ein Standardwerk, und das können die Berliner Philharmoniker nach einer Probe. – Könnten, denn Iván Fischer hat seinen eigenen Kopf, und als das Orchester nach der Pause wieder auf die Bühne kam, war alles anders. Wo sonst die Streicher vorne sitzen, und dahinter die Holz- und Blechbläser, saßen die Holzbläser jetzt ganz vorne. Also statt Geigen, Bratschen und Celli war die erste Reihe für Oboen, Flöten, Fagotte und Klarinetten reserviert, dahinter die Hörner.

Was ein bisschen wie "Bäumchen wechsle dich" wirkte, hat bei Iván Fischer System. Schon als Chefdirigent beim Konzerthausorchester hat er permanent mit Orchesteraufstellungen experimentiert und alles gerne durcheinandergewirbelt. Wollte er hier den hohen Holzbläser-Anteil in Schuberts Sinfonie mal etwas präsenter haben? Wenn ja – das hätte er auch mit einer reduzierten Streicherbesetzung wie zu Schuberts Zeiten erreichen können.

Netter Versuch

Das Ergebnis war zunächst wie erwartet: Die Holzbläser wirkten tatsächlich sehr viel präsenter, und man hat mehr von ihnen gehört. Leider hat die Balance darunter gelitten: Die Holzbläser wirkten wie eine Solistengruppe, extrem intim. Die Streicher schienen in einem ganz anderen Raum zu spielen. Das passte nicht zusammen.

Hinzu kam eine hörbare Unsicherheit der Philharmoniker durch die ungewohnte Situation. Wo die Holzbläser manchmal nur pastellfarbene Erweiterung der Streicher sind, war es oft grell zu laut. Statt Pastell leider Neonfarben. Überhaupt hatte Iván Fischer das Orchester zu sehr auf äußerliche Brillanz getrimmt. Sicher war das ein bemerkenswertes Experiment, aber es ist dann doch beim netten Versuch geblieben.

Andreas Göbel, kulturradio

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