Philharmonie Berlin: Messiah © Kai Bienert
Kai Bienert
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Philharmonie Berlin - "Messiah"

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Am Wochenende zeigte Frederic Wake-Walker an der Berliner Philharmonie seine Version von Händels "Messias". Einer der Höhepunkte der Spielzeit des DSO Berlin mit seinem Dirigenten Robin Ticciati?

Händels "Messiah", bei Laienchören gut aufgehoben, hört man bei erstrangigen Profiorchestern nur noch selten. Warum? Weil die Rückeroberung durch traditionelle Symphonieorchester zu langsam vorangeht. Im Zweifelsfall behält Bach die Vorfahrt. Zu Unrecht: "Messiah" bleibt eines der populärsten und zugleich Händels bestes Oratorium. Man jauchzt geradezu unter seiner Wirkung.

Philharmonie Berlin: Messiah © Kai Bienert
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Education für Erwachsene

"Szenische Einrichtung", wie hier versprochen, entspricht nicht ganz den Tatsachen. Die Sänger sitzen um einen Lichtkreis herum, an den sie mitunter händeringend herantreten wie an ein zentral aufgestelltes Planschbecken. Ein afrikanischer Tänzer, der als Messias figuriert, darf mitunter Schwenk- und Grätschbewegungen vollführen, für die kein Choreograf angeführt wird. Mal geht er auch in den Handstand. Durch all das scheint mir der Tatbestand einer halbszenischen Aufführung erfüllt. Nach der zweiten Pause sind alle in Zivil; auch Robin Ticciati präsentiert sich im Schlabber-T-Shirt und bezeugt die niederschwellige, pädagogische Absicht dieser furchtbar gut gemeinten, rasch im Kunstgewerbe versackenden Anstrengung. Education für Erwachsene.

Philharmonie Berlin: Messiah © Kai Bienert
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Eine halbgare Lösung

Erstmals in seiner Geschichte spielt das DSO auf Darmsaiten und Barockbögen. Ein schlieriges, etwas schlurfigeres Klangbild ist die gute Folge. Die zwei Pausen dienen dem Nachstimmen; irgendwann glaubte ich auch mal eine Saite springen zu hören – mit lautem "Pling!". Das Problem: Das ganze Orchester sitzt mit dem Rücken zum Publikum, so dass die Instrumente nach hinten abstrahlen. Der klanghistorische Vorteil wird durch akustischen Nachteil weitgehend wieder verwischt. Ein zu hoher Preis für die Inszenierung.

Auch der RIAS-Kammerchor sitzt aufgespalten in zwei halbe Kornkreise auf den Seiten. Das sorgt für Koordinations- und Synchronizitätsprobleme, wiederum als Tribut an die Szene. Sopran-Solistin Louise Alder scheint zu Beginn so wenig warmgesungen, dass ihr Sopran erst im Lauf des Abends an Klirrigkeit, sogar Quietschigkeit verliert. Magdalena Kožená muss in der Mittellage inzwischen oft forcieren, um durchzukommen. Die Männer (Tim Mead, Allan Clayton, Florian Boesch) sind betont deklamatorisch besetzt. Trotzdem wird das Ganze bauschiger, mit helleren Farben ausmusiziert als bei Spezialensembles; allerdings mit ähnlich raschen Tempi. Ein reizvoller Zwitter.

Ich verstehe nicht, weshalb man ein so herrliches Werk nicht musikalisch für sich sprechen lässt. Schlimm genug, dass Händel-Oratorien fast nur noch aufgeführt werden, wenn ein Theater sich zu einer Inszenierung bequemt. Eine halbgare Lösung wie hier: bringt gar nichts. Die musikalischen Protagonisten dieser Aufführung könnten es ganz allein, ohne optische Geschmacksverstärker.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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