Benny Claessens als Salomé - über ihr prangt in großer Leuchtschrift das Wort "LOST" - "Verloren" (Quelle: Birgit Hupfeld))
Birgit Hupfeld
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Maxim Gorki Theater - "Salome" von Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde

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Eine junge Frau tanzt vor dem König und verlangt den Kopf von Johannes dem Täufer als Belohnung. Salome gilt als gefährliche Femme fatale. Nun kann man am Berliner Maxim-Gorki-Theater eine neue Version der Geschichte erleben: Salome als Mann.

Eigentlich wurde eine "Übermalung" des Stücks von Oscar Wilde angekündigt, doch kurz vor der Premiere schwenkte das Gorki-Theater um und sprach von einer Uraufführung. Der Autor Thomaspeter Goergen hat vom ursprünglichen Stück nur die Struktur übernommen. Die gesprochenen Texte hingegen sind aber neu. Die Geschichte spielt nicht mehr in biblischen Zeiten, sondern irgendwann zwischen gestern und heute.

Benny Claessens als Salomé in der Inszenierung von Ersan Mondtag am Gorki-Theater (Quelle: Birgit Hupfeld))
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Das Römische Reich wird mit den reichen Ländern der Jetztzeit gleichgesetzt, Johannes der Täufer wirft Herodes nicht unmoralisches Verhalten vor, sondern die Ausbeutung der Dritten Welt. Der König hat ihn dafür verhaften lassen. Er sitzt in einem unterirdischen Verließ und schreit seine Verwünschungen nach draußen. Er ist ein moderner Hassprediger, der Herodes und seinem Staat den baldigen Untergang prophezeit. Salome ist von ihm fasziniert. Sie ist im Stück ein junges Mädchen, das am liebsten in Tel Aviv leben würde. Herodes und seine Partys sind ihr zuwider. Sie mag von ihm nicht mehr angestarrt werden. Mit dem verruchten Weib, als das Salome sonst immer dargestellt wird, hat sie wenig zu tun.

Kaum erotische Spannung

Das Stück hinterfragt die traditionelle Sichtweisen und verknüpft die Geschichte geschickt mit der Gegenwart. Doch Ersan Mondtags Inszenierung macht die Zusammenhänge nicht sichtbar. Sie verkleistert sie vielmehr durch eine ironische, comichafte Spielweise. Die Bühne zeigt eine Art Spielzeugland mit Ritterburg und blauen Schäfchenwolken, die Schauspieler vermeiden jeden natürlichen Ton. Mal sprechen sie mit dröhnendem Pathos, mal mit ausgestellter Melancholie.

Die Rollen sind geschlechterverkehrt besetzt: Salome ist ein Mann, Herodes eine Frau, Johannes weder noch - seine Texte werden von einem Chor buckliger Juden gesprochen, die alle einen schwarzen Umhang tragen, unter dem sie splitterfasernackt sind – natürlich nicht wirklich. Sie tragen Strumpfhosen, an denen männliche Geschlechtsorgane baumeln. Was das soll, erschließt sich kaum. Die erotische Spannung zwischen Johannes dem Täufer und Salome, die ja eigentlich die Triebkraft der Geschichte ist, kann sich so jedenfalls nicht einstellen.

Unplausibilitäten

Salome wird von Benny Claessens gespielt, dem aktuellen Schauspieler des Jahres. Er hat jede Menge Charme und Energie – nur sieht man in der Inszenierung nichts davon. Er trägt ein puppenhaftes Seidenkleid und ist geschminkt als würde er zur Addams Family gehören – das bremst die Erotik ziemlich aus, selbst in den Szenen, in denen sie von der Regie gewünscht ist.

Der Tanz der sieben Schleier, mit dem Salome Herodes betört, wird von Claessens nur angedeutet – nicht ausgespielt. Sehr viel mehr Energie verwendet er darauf, Salome als bockiges Kind zu zeigen. Doch ohne Erotik verliert die Geschichte ihre Plausibilität. Warum sollte Herodes dieser Göre versprechen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen?

Ratlosigkeit

Doch auch dem König mangelt es in der Inszenierung an Kraft. Er wird von Lea Draeger gespielt, die versucht, der Figur psychologische Tiefe zu geben. Sie zeigt Herodes nicht als Machtmenschen, sondern als verunsicherten Patriarchen, der sich von Salome alles gefallen lässt. Ihr Kostüm weist sie aber als Frau aus. Warum Ersan Mondtag ausgerechnet bei dieser Figur sein ansonsten strikt durchgehaltenes Cross-Dressing-Cross-Gender-Konzept durchbricht, ist rätselhaft. In der Inszenierung gibt es so viele Brüche, dass die Zuschauer komplett den Boden unter den Füßen verlieren.

Daran kann auch Orit Nahmias, nichts ändern, die in einem Narrenkostüm auf die Bühne kommt und das Geschehen kommentiert. Sie ist im Gorki-Theater ja eine Art Geheimwaffe, wenn es darum geht, komplizierte Zusammenhänge auf eine unterhaltsame Art zu erläutern. Doch diesmal wirkt sie einfach nur ratlos – die Inszenierung ist einfach zu verquast. Sie ist weder provokant, noch komisch, sondern einfach nur langweilig.

Oliver Kranz, kulturradio

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