HE SHE ME FREE © Schaubühne Berlin
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne Berlin - "He? She? Me! Free."

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Nach "thisisitgirl", einem Stück über zeitgenössischen Feminismus, und "Love Hurts In Tinder Times" über die Liebe in Zeiten der Dating-Apps ist nun ein neues Projekt von Patrick Wengenroth und Ensemble zu sehen. Es ist eine Produktion, die die komplexen Tiefen der Gender-Fluidität auslotet.

Patrick Wengenroths Inszenierungen im Studio der Schaubühne sind Kult; vor allem junge Großstadt-Hipster stürmen die immer ausverkauften Vorstellungen. In "thisisitgirl" und "Love Hurts in Tinder Times" geht es um Liebe zwischen Tinder und Polyamorie, um einen neuen Feminismus und "Gender Trouble". Im neuen, dritten Teil "He? She? Me! Free." dreht sich alles ums Thema "Gender-Fluidität" – soll heißen: sich vom dualistischen Konzept "typisch Mann, typisch Frau" zu verabschieden und stattdessen wie ein Fisch im Wasser zwischen den Geschlechtergrenzen zu schwimmen.

Zwischendurch fällt einmal der Satz: "Wenn Frauen sagen: Ich muss ein Mann werden, um aggressiv sein zu können, haben wir ein Problem mit der Frauenrolle – wenn Männer sagen: Ich muss erst eine Frau werden, um weinen zu können, haben wir ein Problem mit der Männerrolle." Bedeutet: Jeder darf lieben, wen er will, sich kleiden, wie er will – ohne dass es in eine Geschlechtsschublade gesteckt wird. Man soll sich nicht als Mann oder als Frau definieren müssen, sondern die Freiheit haben, zu sein. Passend dazu ist auf den Abendzettel ein Seepferdchen gedruckt – dem Tier auf der Höhe des Gender-Diskurses: Bei den Seepferdchen befruchten die Weibchen die Eier und die Männchen werden schwanger und tragen sie aus.

Mischung aus Boulevard und Diskurs

Wie im Hörsaal geht es auf der Bühne natürlich nicht zu – Wengenroths Projekte sind gerade deshalb so beliebt, weil sie dem Unterhaltungsshow-Charakter folgen, nicht theorieüberfrachtet sind. Eine Mischung aus Boulevard und Diskurs, die ein wenig an die Inszenierungen von René Pollesch erinnern – wobei Pollesch Sprachfeuerwerke zündet, während Wengenroth zu musikalischen Salons lädt. Diesmal ganz besonders: Er nennt den Abend auch eine "Gender-Jam-Session"; die 99 Zuschauer sind Teil einer Bandprobe. Die Bühne ist durch Pappwände verkleinert und wirkt wie ein nach vorn gekippter Karton. Nur Musikinstrumente sind zum Konzert aufgebaut. Die Spieler und Musiker singen insgesamt fast ein Dutzend Songs zum Thema, immer unterbrochen von kleinen persönlichen Erzählungen und Theorieeinheiten.

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Das wird zwischendurch auch mal komplex, wenn Wittgenstein zitiert und dann diskutiert wird, ob die Grenze der Sprache auch die Grenze der Welt bedeutet – ein wichtiges Thema für die gendergerechte Sprache: Verändert es die Realität, wenn wir unser Sprechen verändern? Die Spieler, zu denen auch Wengenroth selbst gehört, erörtern das mit Leichtigkeit und Augenzwinkern, ohne verbissenen, missionarischen Furor.

Die persönlichen Erzählungen entwickeln sich zu den ernsthaftesten Kapiteln des Abends. Die Israelin Ruth Rosenfeld, in New York aufgewachsen, schlüpft in die (vermutlich authentische) Geschichte einer amerikanischen Jüdin, die in ihrer orthodoxen Community zwangsverheiratet wird und ihrem Ehemann als Hausfrau und Gebärmaschine zur Verfügung zu stehen hat. Eva Meckbach zitiert aus der Biografie eines Hermaphroditen, der die vielen Operationen in seiner frühen Kindheit, die ihn einem Geschlecht zuordnen sollen, als Genitalverstümmelung erlebt. Patrick Wengenroth erzählt von Selbstmordabsichten. Das lässt einen durchaus nachdenken über die eigenen Raster und Geschlechternormen, in die man Menschen so gern eingruppiert.

Auch die Songs, die hier mit Bass, Gitarre, Keyboard, Schlagzeug performt werden, beinhalten allerhand Leidensgeschichten: Ruth Rosenfeld singt ganz fantastisch Neneh Cherrys "This is a woman’s world"; Iris Becher Garbages Grunge-Song "I think I’m paranoid"; Eva Meckbach eine Ballade vom isländischen Songwriter Olafur Arnalds, am Ende steht ein wunderbares Meckbach-Rosenfeld-Duett von Queens’ "I want to break free".

Sympathischer, leichter Abend

Jüngere Großstadtmenschen, die die Songtexte verstehen, mit Popkultur sozialisiert wurden und Wengenroths urbaner Salon-Anarchie etwas abgewinnen können, finden deutlich leichter einen Einstieg in die Inszenierung. Dann ist es trotz Diskursthematik ein sympathischer, leichter Abend, der von der Nähe zu den Schauspielern lebt. Man sitzt so dicht beieinander, dass man sich wie mit Freunden im Hobbykeller fühlt. Auch, weil die Spieler nie wie beim Konzert frontal ins Publikum singen, sondern entspannt zur Seite oder sogar mit dem Rücken zum Parkett – als ob sie für sich Musik machen, nicht für die Zuschauer.

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Bild: Gianmarco Bresadola

Ebenso warm und menschlich werden die Identitätsfragen diskutiert. Auf zwei Stunden entfaltet das seine Wirkung: Während am Anfang die extremen Highheels ins Auge stechen, die Wengenroth zu seinen Jogginghosen trägt, der bunte Nagellack von Bernardo Arias Porras, Iris Bechers Oberlippenbart – meint man am Ende: klar, ganz normal.

"He? She? Me! Free." ist kein ästhetisch brillanter oder weltumstürzender Konzert-Abend, doch gute, nachhaltige Unterhaltung, vom Publikum gefeiert. Und auch die Kritikerin kam durchaus beschwingt aus dem Theater.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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