Company Christoph Winkler: Speak Boldly. The Julius Eastman Dance Project © Sophiensäle/Jermain T. Raffington
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Sophiensäle - Company Christoph Winkler: "Speak Boldly. The Julius Eastman Dance Project"

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Die Arbeiten des Choreografen Christoph Winkler reichen von sehr persönlichen bis hin zu politischen Themen. In seiner aktuellen Produktion widmet er sich dem Schaffen von Julius Eastman. Das Stück "Speak Boldly - The Julius Eastman Dance Project" hatte Premiere in den Sophiensælen.

Vielen wird der Name Julius Eastman wahrscheinlich nichts sagen. Und fast wäre der amerikanische Minimal-Music-Komponist, der 1990 unter traurigen Umständen viel zu früh verstorben ist, auch in Vergessenheit geraten. Aber seit einigen Jahren werden seine Werke wiederentdeckt, etwa beim Berliner Maerz-Musik-Festival. Der Berliner Choreograph Christoph Winkler hat Musik von Julius Eastman für seine neue Produktion "Speak Boldly. The Julius Eastman Dance Project" verwendet. Am 6. Dezember war Premiere in den Berliner Sophiensaelen.

Julius Eastmans Minimal Music

Julius Eastmans Minimal Music, live gespielt vom Zafraan Ensemble, hat kaum etwas von der oft eingängigen, vorhersehbaren Gefälligkeit von Philipp Glass oder Steve Reich, ist überraschender, vielfältiger, auch zerrissener und voller emotionaler Spannungen. In einem der Stücke "Gay Guerilla" werden auf vier Flügeln immer gleiche pochende Töne gespielt, in sich überlagernden Reihen und Ketten und diese Tonreihen geraten immer wieder ins Stolpern, wie bei einem Herzflimmern, einer Herzrhythmusstörung. "The Holy Presence of Joan D'Arc", hier von sieben Celli gespielt, ist eine fiebrige, übernervöse, dauererregte Musik, ohne Ruhe und Gelassenheit, von fast wütender Verbissenheit.

Der Moment, in dem die Engel den Himmel öffnen

Die Musiker des Zafraan Ensembles spielen das großartig, wie auch das letzte Stück des Abends, den 70-Minüter "Feminine", eine trancegleiche Reise, in der durchgehend ein kaum variiertes Glockenspiel erklingt, die immer gleichen 15-20 Töne hier am Vibraphon angeschlagen und umspült von zwei Klavieren, Celli, Saxophon und Flöte. Das ist wie ein startendes Triebwerk und wie Einsinken in Treibsand und das ist in höhere Sphären ausgerichtet – Eastman hat diese Musik als den Moment bezeichnet, "in dem die Engel den Himmel öffnen" und das passt.

Speak Boldly – "Sprich kühn" – ein Lebensmotto?

Der Titel des Abends "Speak Boldly" – also "Sprich Kühn" ist Motto und Zielrichtung dieser Auseinandersetzung mit Julius Eastman. "Speak Boldly" ist eine Zeile aus der gesungenen Einleitung zu "The Holy Presence of Joan D’Arc", "Sprich kühn, wenn sie dich befragen" ruft Eastman sozusagen Jeanne d'Arc zu, wie in der Situation kurz vor dem Verhör.

Aber kühn war wohl auch Eastman, ein wagemutiger Avantgardist, als offen schwuler Afroamerikaner gleich mehrfach diskriminiert und vielleicht auch deswegen fast vergessen. Er hat seinen Stücken oft Titel gegeben, die auch heute noch provozieren, es ist unangenehm, sie auszusprechen und niederzuschreiben: "Dirty Nigger" oder "Nigger Fagot".

Eastman muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, allerdings auch ein verglühender Stern, er ist ja als Obdachloser an seiner Alkohol- und Drogensucht verstorben, mit gerade mal 50 Jahren. "Sprich Kühn" oder "Sei Kühn" – vermutlich sieht Christoph Winkler das als ein Lebensmotto von Julius Eastman.

Christoph Winkler - auf eigenen Pfaden

Christoph Winkler ist in seinem Tanz einen anderen Weg gegangen als seine berühmten Vorgängerinnen, die sich der Minimal Music hingegeben haben: Anne Teresa de Keersmaeker, die bekannteste europäische Choreographin oder Lucinda Childs, die Ikone des Postmodern Dance. Diese beiden haben aus den Wiederholungen der Muster und Sequenzen der Minimal Music mathematische Prinzipien für ihren Tanz entwickelt – bei ihnen entsteht ein Tanz-Rausch durch abstrakte Ordnungen in Wiederholung und Variation.

Christoph Winkler meidet diese Mechanik und bietet Freiräume, lässt seinen sieben Tänzerinnen und Tänzern ihre Individualität, die Freiheit zu Improvisation und vor allem Emotionalität – sie reagieren bebend und pulsierend, oft ungebunden durch den Raum treibend, wie Pulsare oder unberechenbare  Kometen auf Wanderschaft.
Beim "Feminine"-Stück sogar mit stark spiritueller Anmutung, mit beschwörend erhobenen Händen, in sich selbst versunkenem, in sich hineinhorchendem Tanzen, ein Durch-den-Raum-Mäandern oder recht albern mit twerken, also dem Powackeln.

Comedy-Groteske als queere Selbstbehauptung

Winkler sucht nach vielen Möglichkeiten, die Minimal Music für den Zeitgenössischen Tanz zurückzugewinnen, es anders zu machen und das funktioniert nicht immer. Etwa im zweiten Stück, dem Jeanne-D'Arc-Stück – da ergehen sich zwei Tänzerinnen in expressiver gespreizter Comedy-Groteske mit verzerrten Gesichtern und Körpern. Der Druck, unter dem ihre Körper stehen und das Fieber, unter dem die Musik sich aufbäumt, soll im Tanz in kämpferische queere Selbstbehauptung übersetzt werden, was biographisch zu Eastman und sogar Jeanne d'Arc passen würde, aber durch die Überzeichnung ins Groteske werden Energie, Wut und Tragik der Musik eher ängstlich vermieden.

Fehlender Fokus

In allen drei Choreographien zitiert sich Winkler munter durch die Tanzgeschichte und Gegenwart: Modern Dance, Urban Dance, auch Keersmaeker und Childs werden zitiert. Und so beeindruckende Persönlichkeiten die sieben Tänzerinnen und Tänzer auch sind – vieles ist abgegriffen, es fehlt der Fokus, der bewusste, gestaltete Umgang mit Raum und Gruppe, es fehlt an Struktur. Allzu oft ist der Tanz nur Illustration, ein Aufnehmen von Rhythmus, Tempo, Dynamik, Emotionalität der Musik, allzu oft führt er nur in Beliebigkeit.

So ehrenhaft dieser Versuch einer Wiedererweckung der Julius-Eastman-Musik für den Tanz auch ist, überzeugende Mittel für die Übertragung in Bewegung und Choreographie hat Christoph Winkler zu selten gefunden - bei diesem sehr langen Tanzabend ist eindeutig die Musik das Ereignis.

Frank Schmid, kulturradio

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