Bühenbild "Viel gut essen"
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "Viel gut essen"

Bewertung:

Der Monolog eines deutschen Mannes mittleren Alters, der gegen Ausländer, Homosexuelle und emanzipierte Frauen wütet. Ein tieftrauriger Text über verunsicherte Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen.

Sibylle Berg gilt als eine der bissigsten, komischsten und erbarmungslosesten deutschen Schriftstellerinnen. Ihre Kolumnen wettern gegen den Zeitgeist, auch ihre Theaterstücke sind alles andere als windschnittig und werden häufig aufgeführt.

Am Hans Otto Theater hatte nun "Viel gut essen" Premiere – der Monolog eines deutschen Mannes mittleren Alters, der gegen Ausländer, Homosexuelle und emanzipierte Frauen wütet.

Eine Collage aller sozialer Problemfelder Europas

Berg hat das Stück 2014 geschrieben, noch vor Pegida, der sogenannten Flüchtlingskrise und dem Aufstieg der AfD – man muss den Text inzwischen geradezu hellsichtig bzw. schwarzseherisch nennen. Mittlerweile würde der Mann wohl mit Pegida marschieren und die AfD wählen. Nicht, weil er ökonomisch abgehängt wäre (er arbeitet als ITler, gehört zur Mittelschicht), sondern weil er in seinem konservativen Wertesystem mit den Veränderungen in diesem Land nicht mehr zurechtkommt. Warum sorgt die Quote für Frauen und Migranten dafür, dass die junge Frau Hüdüczü den Job bekommt, den er nach 20 Jahren im Unternehmen gern gehabt hätte?

Sich auf der Bühne die Hass-Tiraden eines exemplarischen AfD-Wählers anzuhören, ist nur deshalb interessant, weil Berg diesen Mann nicht als asozialen Freak denunziert, sondern ihn immer wieder handfeste Probleme kritisieren lässt: die Gentrifizierung, der Umgang mit Migration, die Globalisierung. Und doch entwirft Berg kein durchweg realistisches Psychogramm einer Figur, sondern mehr eine Collage aller sozialer Problemfelder Europas.

Ein tieftrauriger Text über verunsicherte Menschen

Deutlich wird jedoch, dass es um einen Menschen in der Abwärtsspirale geht: Während er das gesamte Stück über seiner Frau ein exquisites Menü kocht, erfahren wir nach und nach, dass ihn diese Frau mitsamt dem erwachsenen Sohn längst verlassen hat. Die vermeintlich kleinen Unstimmigkeiten in seinem Mittelstandsleben stellen sich als großes Desaster heraus: Seinen Job hat er verloren, auch die Wohnung, weil ein Flüchtlingsheim gebaut wird oder schicke Lofts entstehen – beides wird als Möglichkeit genannt.

Bei allem Pointenfeuerwerk, aller Provokation ist es ein tieftrauriger Text über verunsicherte Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Umso steiler es bergab geht, desto extremer werden die Entgleisungen gegen Schwule, Ausländer, Flüchtlinge. Desto mehr hält der Mann an seinem Weltbild fest und stilisiert sich als Opfer. Marc Becker karikiert diese Figur nicht und lässt, bei aller Ironie, auch Verständnis zu.   

Szenenbild "Viel gut essen"
Bild: Thomas M. Jauk

Radikale Gedanken - mitten unter uns

Sieben Spieler teilen sich die Rolle, vier Frauen, drei Männer. Kann man machen – auch Berg schreibt: "Ein Text für einen oder viele". Schließlich geht es nicht um einen bestimmten Menschen, sondern um gesellschaftliche Probleme und falsche Reaktionen darauf.

Die Spieler wirken wie das Klischee verspießerter Bildungsbürger: Hornbrille, dunkelgrüne Anzüge, die Frauen in Bleistiftröcken, knallroter Lippenstift. Ein Chor in variierender Uniform, der in einer Art Museum steht. An der Betonwand ein Olgemälde, am Flügel Moritz von Treuenfels, der als Leitmotiv wiederkehrend den Pop-Song "A Final Countdown" spielt, das Lieblingslied des Mannes – hier allerdings in Klassik-Variation mit unterstützendem Choral-Gesang der Darsteller.

Kleine Choreografien und Chorpassagen stemmen die Spieler gut und präzise. Später fahren sie eine Küchenzeile herein und schnippeln Möhren – ohne, dass das allzu realistisch geraten würde. Im Gegenteil, Marc Becker hat eine stark artifizielle Inszenierung erarbeitet, die sich bewusst nicht genau verorten lässt. Nur am Ende geben die Fenster die Sicht auf den Alten Markt in Potsdam frei – die radikalen Gedanken sind mitten unter uns.

 

Es gibt nach wie vor verdammt viel miteinander zu reden

Becker ist daran gelegen, Grenzen zu verwischen zwischen den politisch angeblich richtigen und falschen Standpunkten. Erst werden die Starbucks-Kaffeetrinker und Selfie-Shooter aufs Korn genommen – dann plötzlich die Flüchtlinge, die in den Booten Leihbabys an sich drücken würden, um in Deutschland Sozialhilfe abzukassieren.

Ob Beckers differenzierte Sicht auf die Figur heute noch im Sinne Sibylle Bergs wäre, ist fraglich. In einem Interview sagte sie kürzlich, sie würde den Text heute anders schreiben – mittlerweile ginge es weniger darum, die sogenannten "besorgten Bürger" zu verstehen, als darum, sich geschlossen eine Antwort gegen deren Radikalisierung zu überlegen.

Hat sie damit Recht? Müsste Becker sich vehementer gegen diese homophobe, rassistische Figur stellen? Das mag man durchaus finden – beim weniger gesinnungslinken als bürgerlichen Potsdamer Publikum wirkt es jedoch richtig, so zu inszenieren. Becker meiert andere Meinungen nicht ab, sondern eröffnet zunächst einmal das Gespräch. Beinahe beifällig fällt zwischendurch der Satz: "Wenn du deine tradierten Rollenbilder lebst, dann bist du ein Nazi, und wenn du einer Frau sagst, dass sie hübsch ist, ist das Sexismus." An dieser Stelle klatschte eine Frau im Publikum begeistert Zustimmung – schon das zeigt, dass es nach wie vor verdammt viel miteinander zu reden gibt.  

 

Barbara Behrendt, kulturradio

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