Szene aus Haußmanns Staatssicherheitstheater von Leander Haußmann an der Volksbühne (Quelle: rbb)
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Volksbühne Berlin - "Haußmanns Staatssicherheitstheater"

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An der Volksbühne wird endlich wieder Theater produziert!

Nach dem abrupten Ende der Kurzzeit-Intendanz von Chris Dercon muss noch immer gespart und neu justiert werden – jetzt hatte aber zumindest die erste Eigenproduktion unter dem Intendanten Klaus Dörr Premiere, und zwar in der Regie eines alten Bekannten der Castorf-Volksbühne: Leander Haußmann. In Filmkomödien wie „Sonnenallee“ und „NVA“ hat er sich schon an der DDR abgearbeitet, seine Theaterkomödie heißt nun „Haußmanns Staatssicherheitstheater“.

So funktioniert es nicht

30 Jahre nach dem Mauerfall könnte man der DDR-Diktatur und ihren Stasi-Spitzeln mit bissigem Humor sicher hervorragend beikommen – ohne das System gleich zu verharmlosen. Man könnte sich sogar eine Groteske über dieses schräge Stasi-Beamtentum vorstellen. Schließlich waren auch wahnwitzige Stücke über das NS-Regime ein Erfolg. Und in seinen Filmen hat Haußmann längst gezeigt, dass Komödien über die DDR gelingen können. So verstaubt, harmlos und auch pennälerhaft wie er hier inszeniert, funktioniert es allerdings nicht.

Haußmann hatte bereits in diversen Interviews von seinen Plänen für die Bühne erzählt. Das mediale Rauschen vorab war ungeheuer hoch. Auf dem Papier klingt der Plot durchaus schräg spannend. Im Zentrum steht die Stasi-Sondereinheit LSD, die es damals tatsächlich gab – nicht benannt nach der Droge, sondern nach der Lychener-, Schliemann- und Dunckerstraße in Prenzlauer Berg, wo zu DDR-Zeiten die Künstlerszene wohnte.

In der Realität hat Wolf Biermann den Autor Sascha Anderson als Spitzel aus dieser Szene entlarvt – dessen Kunst wurde von einem Tag auf den anderen wertlos. Daraus entwickelt Haußmann die spinnerte Idee, die Stasi würde ihre Mitarbeiter zu Künstlern ausbilden, damit sie diese Avantgardetruppe unterwandern. Doch so mancher Spion will plötzlich wirklich große Kunst machen und verrät die Verräter.

Vergilbte Zimmer mit DDR-Charme

Ohne diese Verwicklungen vorher zu kennen, wäre jedoch völlig schleierhaft geblieben, wie die zerfasernden Blödel-Nummern auf der Bühne über ganze dreieinhalb Stunden zusammenhängen. Die erste Viertelstunde war vielversprechend: Da steigt die Castorf-Schauspielerin Silvia Rieger aus der Unterbühne herauf, vollgestellte Zimmer mit DDR-Charme werden an sie herangeschoben – dann fährt die Bühne (Lothar Holler) nach oben und legt das darunterliegende Stockwerk frei, fährt weiter und legt noch ein Stockwerk frei, sodass plötzlich ein großes ostdeutsches Wohnhaus aus den Siebzigern vor uns steht, mit vielen verschlissenen, vergilbten Zimmern und einem Holzdielen-Treppenhaus.

Hier blättern Silvia Rieger und Horst Kotterba als Ehepaar Ramona und Ludger irgendwann nach der Wende Ludgers Stasi-Akte durch, freuen sich über die kostenlosen Fotos (schwarz-weiß werden sie an die Bühnenwand projiziert) und das nachgelieferte Tagebuch – das hat durchaus noch hintersinnigen, doppelbödigen Witz. Ramona findet in der Akte den Liebesbrief einer anderen Frau – und von Ludger fällt der empört-ironische Satz: "Jetzt schafft es die Stasi doch noch, unser Leben zu zerstören."

Dann ein Zeitsprung – und wir sind mitten in der DDR, als Ramona und Ludger sich noch nicht kannten, Ludger von der Stasi angeworben wird und als Künstler ausgebildet werden soll.

Waldemar Kobus spielt den Stasi-Chef Mielke mitunter in Fatsuit und Frauenkleidern, Männern werden Brüste angeschnallt, Silvia Rieger muss, ebenfalls im Fatsuit, die Stasi-Nachbarin geben, die für ihren Toilettengang immer wieder Klopapier-Nachschub holt. In Ramonas Wohnung wird eifrig Sperma verspritzt, um ihren Liebhaber eifersüchtig zu machen – der stirbt dann einen Herztod, als er seinen Sohn als Stasi-Spitzel im Kleiderschrank entdeckt. Dazu werden hier und da alte DDR-Dissidentenlieder gesungen.

In manchen Szenen geht das Verfolgungsspiel noch als Slapstick durch, meistens ist es aber pickliger, flacher Jungshumor, der rein gar nichts über das System der Stasi und ihre Mitarbeiter aussagt. Die Schauspieler geben sich zudem so cool, vernuschelt, hysterisch, als hätte man sich in die mageren Zeiten der Volksbühne vor etlichen Jahren verirrt.

Museale Ästhetik ohne Aussagekraft

Das alles hat den Flair einer Volksbühnen-Revival-Veranstaltung, wenn auch keiner gelungenen. Im Publikum saß, wie passend!, Frank Castorf – für seinen Kumpel Leander hat er zum ersten Mal seit seinem Weggang das Haus betreten: Männerbünde unter sich. Auf der Bühne tritt in der letzten Szene Haußmann dann auch noch selbst auf, zusammen mit Alexander Scheer, auch großer Volksbühnen-Held, und Detlev Buck – eine Selbstreferenz an Haußmanns Film-Erfolge.

Am Berliner Ensemble unter Claus Peymann hat Haußmann vor einigen Jahren deutlich stringenter, pointierter inszeniert, mit viel Herz für seine Figuren – all das fehlt hier völlig. In diesem "Staatssicherheitstheater" stehen nur Hampelmänner auf der Bühne und gehen einem verhedderten Stoff nach, der irgendwo im Nichts endet – auf die Länge des Abends betrachtet ist das schrecklich strapaziös.

Vorab hatte Haußmann zur Entstehung erklärt, der Stoff sei für einen Film geplant, an dem er schon mehrere Jahre arbeite – aus dem umfangreichen Material seien dann auch noch genügend Szenen für ein Stück abgefallen. Genau so wirkt es: lauter überflüssige Bonusnummern, endlos zerfaserte Szenen. Könnte sein, dass der gute Plot im Film steckt.

Der amüsierwillige, promi-dichte Teil des Premieren-Publikums beklatschte noch jeden miesen Gag freundlich – und doch blieb es in weiten Parkett-Bereichen oft schläfrig-still. Für die Volksbühne in der Findungskrise wäre es ein Jammer, wenn eine derart museale Ästhetik ohne Aussagekraft in die Zukunft des Hauses weisen würde.

Barbara Behrendt, kulturradio

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