Edgar Selge spielt in der Volksbühne die Hauptrolle in Michelle Houllebecqs "Unterwerfung" (Bild: Klaus Lefebvre)
Klaus Lefebvre
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Volksbühne Berlin - Michel Houellebecq: "Unterwerfung"

Bewertung:

Fast drei Stunden dauert der fulminante Monolog von Edgar Selge in der Theaterfassung von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung". Karin Beier hat das Stück am Schauspielhaus Hamburg inszeniert. Edgar Selge wurde 2016 damit zum Schauspieler des Jahres gekürt.

Vor knapp drei Jahren ist Michel Houellebecqs Beststeller "Unterwerfung" am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt worden, als dreistündiges Solo von Edgar Selge, der dafür prompt zum Schauspieler des Jahres gekürt wurde. Vom Publikum wird der Abend in ausverkauften Vorstellungen gefeiert, nicht nur in Hamburg, sondern auch auf Gastspielen in Frankfurt, München, bei den Ruhrfestspielen – um eine Auswahl zu nennen. Nun ist diese Inszenierung von Karin Beier endlich auch in Berlin zu sehen, sie gastiert an der Volksbühne.

Edgar Selge in "Unterwerfung", Hamburger Gastspiel in der Volksbühne Berlin (Bild: Deutsches Schauspielhaus Hamburg/Klaus Lefebvre)
Bild: Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ist Selge wirklich 70?

Und auch das Berliner Publikum ist angetan, aufmerksam, und gibt am Ende kopfschüttelnd vor Bewunderung stehende Ovationen. Edgar Selge war sichtlich erleichtert, den Abend so gut bewältigt zu haben – zu Beginn hatte Intendant Klaus Dörr die Ansage ans Publikum gemacht, Selge stecke noch in den Endzügen einer schweren Bronchitis, die letzten Vorstellungen habe er absagen müssen. Davon war allerdings kaum etwas zu bemerken, obwohl der Abend rein körperlich eine ziemliche Tortur ist.

Auf Olaf Altmanns Bühne steht eine dicke schwarze Wand, aus der ein großes Kreuz geschnitten ist. In diesem Hohlraum steht Selge die meiste Zeit – und da sich das Kreuz langsam um sich selbst dreht, muss er von der Längsseite auf die Querseite klettern und weiter zur nächsten Längsseite sich kauern und quetschen – oder wieder von unten aufs Kreuz klettern. Dass dieser drahtige Mann 70 Jahre alt sein soll, ist wirklich schwer zu glauben.

Volksbühhne: "Unterwerfung" von Michel Houellebecq mit Edgar Selge; © Klaus Lefebrvre, 2016
Bild: Klaus Lefebvre

Zwangsislamisierung

Houellebecqs umstrittener Roman spielt in der nahen Zukunft, im Frankreich des Jahres 2022. Der Front National wird immer stärker, auf den Straßen toben die Extremisten. Um einen rechtsextremen Präsidenten zu verhindern, schließen sich die liberalen Parteien zusammen und lassen einen Muslim in den Elysee-Palast einziehen. Houellebecqs Provokation besteht nun darin, dass er die "Unterwerfung" des Westens zugunsten der mit diesem neuen Herrscher beginnenden Islamisierung als ziemlich angenehme Sache darstellt, nicht nur für alternde Machos wie den Erzähler Francois. Der ist Literaturprofessor an der Sorbonne, legt sich jedes Jahr eine neue Studentin als Betthäschen zu – und dürfte nun mehrere Ehefrauen haben.

Doch die ganze Gesellschaft profitiert: Die Kriminalität geht schlagartig zurück, auch die Arbeitslosigkeit, da Frauen in den meisten Berufen nicht mehr arbeiten dürfen. Sie reagieren allerdings nicht mit Protest, sondern erleben die Rückkehr in die Familie als sinnstiftende Entlastung. Durch die Brille des Zynikers Francois erleben wir, wie schnell die westlichen Werte über Bord gehen, sobald es wirtschaftlich bergauf geht. Die Saudis finanzieren nun die Uni üppig, Francois könnte dort wieder unterrichten, 10.000 Euro monatlich verdienen – wenn er denn zum Islam konvertiert.

Ein Augenzwinkern

Diesen narzisstischen Macho spielt jetzt also Edgar Selge und es gelingt ihm, von der ersten bis zur letzten Minute eine Intimität herzustellen, als würden nur 20 Menschen vor ihm sitzen und keine 800, wie hier an der Volksbühne. Ein großer Erzähler, der prägnant auf Pointe setzt.

Fast so abgeranzt wie Houellebecq selbst schlurft er auf die Bühne, wirres Haar, weiter Anorak, schlecht sitzender Anzug. Erst nach und nach taucht er in seine Figur ein und tritt immer mal wieder aus ihr heraus. Selge ist ein feiner, intelligenter Spieler, der sich nicht als Rampensau betätigt, sondern auf leichte, hintersinnige Weise komisch ist. Wenn er detailliert von den Fellatio-Künsten seiner Freundin schwärmt, belächelt man diesen alternden Zausel eher bedauernd, weil Sex tatsächlich das einzige in seinem Leben ist, das ihm Freude bereitet.

Im Roman ist Francois ein noch größeres Ekelpaket. Selge steht eher ironisierend neben ihm, spielt seine Depression und seinen Machismo mit gewissem Augenzwinkern. Erst, als er sich auch noch weiße Farbe ins Gesicht schmiert, wird das Spiel zu sehr zur Clownsnummer.

Amüsant und verführerisch

Die Inszenierung insgesamt wurde mitunter kritisch bewertet, auch ein gewisses Unbehagen ist den Kritiken zu entnehmen. Dieses Unbehagen bezieht sich auf eben jene ironischen Brechungen, das Komödiantische. Das mache den Abend so süffig, dass man die Provokation wegkonsumiere, Karin Beier habe die Unterwerfung zu erträglich gemacht, lauten die Einwände. Diese Befürchtung ist nachvollziehbar – doch die Angst, es werde etwas verharmlost, ist unbegründet. Hier wird nichts schenkelklopfend weggelacht, sondern es ist ein böser Sarkasmus am Werk, das Lachen hüpft als Übersprungshandlung aus der Kehle oder gefriert kurz in den Mundwinkeln fest.

Einerseits wird bei Houellebecq die Einsamkeit eines alternden Zynikers verhandelt, andererseits die Gefahren einer liberalen Gesellschaft, die immer mehr auseinanderdriftet. Satirisch zugespitzt selbstverständlich. Beides wird an diesem Abend deutlich – so amüsant und verführerisch, dass man Selge noch zwei Stunden länger hätte zuhören können.

Barbara Behrendt, kulturradio

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