George Orwell: 1984
Marlies Kross
Szenenfoto mit Boris Schwiebert (Winston) | Bild: Marlies Kross Download (mp3, 5 MB)

Staatstheater Cottbus - "1984"

Bewertung:

Eine der berühmtesten Dystopien über den Überwachungsstaat der Zukunft. Erstaunlich ist, dass es dem Regisseur trotzdem gelingt, Hoffnung zu vermitteln.

George Orwell hat eine der berühmtesten Dystopien des letzten Jahrhunderts geschrieben. Sein Roman "1984" geht davon aus, dass die Menschen der Zukunft in einem Überwachungsstaat leben werden: Der große Bruder kontrolliert alles und im sogenannten "Wahrheitsministerium" wird die Vergangenheit umgeschrieben.

Im Zeitalter von Google und Fake News ist das alles gar nicht mehr weit hergeholt – das macht auch die Cottbuser Inszenierung klar. Bei George Orwell haben die Menschen sogenannte Televisoren in den Wohnungen – Bildschirme, auf denen Propagandasendungen laufen, die aber zugleich Abhörgeräte sind. Der große Bruder, also der Staat, sieht alles und hört alles - genau wie ein moderner Geheimdienst.

Willkommen in der schönen neuen Welt!

In Cottbus werden, bevor die Aufführung losgeht, Videos von Überwachungskameras auf den Vorhang projiziert. Und gleich in der ersten Szene erklärt ein junger dynamischer Mann, der ein bisschen an Steve Jobs erinnert, die neuen Produkte seines Unternehmens – zum Beispiel eine winzig kleine Kamera, die sich über Solarzellen mit Strom versorgt und sich mit dem Internet verbindet, so dass man quasi überall auf der Welt live anschauen kann, was sie gerade filmt. Sie wird, verspricht der Präsentator, für den Preis eines T-Shirts zu haben sein. Am besten solle jeder gleich zehn kaufen und an Orten installieren, die er überwachen will – zum Beispiel im eigenen Vorgarten, im Auto der Freundin oder an einem Baum im Regierungsviertel. Das würde die Kriminalitätsrate senken, denn wer würde noch ein Verbrechen begehen, wenn er davon ausgehen müsste, dass er dabei gefilmt wird? 

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Nicht das Drama eines Einzelnen - sondern ein System

Die Produktpräsentationen liefern in der Inszenierung den Rahmen für George Orwells Dystopie. Die Bühnenbildnerin Annette Breuer hat einen schönen Science-Fiction-Raum mit glatten grauen Wänden entworfen.

An der Decke gibt es ein großes Auge, durch das das Geschehen gefilmt wird. Die Menschen bewegen sich steif – als wüssten sie, dass sie beobachtet werden. Sie sprechen mechanisch, denn jede Gefühlsäußerung könnte sie das Leben kosten.

Die Hauptfigur Winston, die in Cottbus überzeugend von Boris Schwiebert gespielt wird, arbeitet im Wahrheitsministerium und ist den ganzen Tag damit beschäftigt, vermeintliche Regimefeinde aus den Archiven zu löschen. Wer in der Erinnerung nicht mehr existiert, den hat es sozusagen nie gegeben.

Winston ist von seiner Arbeit angeödet und schöpft erst neuen Lebensmut, als er Julia kennenlernt – in Cottbus Lisa Schützenberger. Die beiden schaffen es, Orte zu finden, wo sie sich treffen können, ohne überwacht zu werden, doch als sie versuchen, sich einer Widerstandsgruppe anzuschließen, fliegen sie auf.

Winston wird gefoltert und verrät Julia. Am Ende muss er sich einer regelrechten Gehirnwäsche unterziehen. Dabei sorgt der leicht verfremdete Spielstil dafür, dass Sentimentalität vermieden wird. Selbst in den Liebesszenen bewegen sich die Akteure wie Roboter. Es wird klar, dass nicht das Drama eines Einzelnen gezeigt wird, sondern ein System.

George Orwell: 1984
Szenenfoto mit Lisa Schützenberger (Julia)

Brücke ins Heute

Erstaunlich ist, dass es dem Regisseur trotzdem gelingt, Hoffnung zu vermitteln. Im Verlauf der Inszenierung werden immer wieder Videos mit Interviews eingeblendet, in denen Menschen von heute berichten, wie sie soziale Netzwerke nutzen. Da ist anfangs viel Sorglosigkeit zu spüren. "Ich gebe nur das preis, was ich preisgeben will", sagen viele. "Was ist schon dabei, wenn jemand meine persönlichen Daten erfährt?" – Aber am Ende kommen diese Menschen als Bürgerchor auf die Bühne und rücken das Bild zurecht.

Eine Privatsphäre zu haben, skandieren sie, sei so wichtig, wie eine eigene Meinung zu haben. Und wenn man sich nicht selbst dafür einsetze, wer solle es dann tun? – Es wird also von George Orwell die Brücke ins Heute geschlagen. Wir haben noch Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass es nicht so schlimm kommt.

Das ist ein didaktischer, fast schon belehrender Schluss – aber eben auch ein Hoffnungszeichen, das mir gefallen hat. Bei George Orwell ist alles schwarz, doch in dieser Inszenierung gibt es noch etwas Licht…

Oliver Kranz, kulturradio

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