Bühnenszene: Antigone
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater / Box - Antigone

Bewertung:

Ist Gehorsam wichtiger als Eigenverantwortung? Am Deutschen Theater wurde Sophokles’ Tragödie mit dem integrativen RambaZamba-Theater und einem Bürgerchor neu inszeniert. Leider ohne Zwischentöne.

Eine Frau missachtet den Befehl ihres weltlichen Herrschers, weil sie das göttliche Gebot auf ihrer Seite glaubt, weil sie der Liebe zu ihrem Bruder folgt – und muss dafür sterben. So könnte man den Kern von Sophokles’ "Antigone" zusammenfassen.

2500 Jahre alt ist das Stück – doch die Frage, ob Staatsräson Geschwisterliebe schlägt, Gehorsam wichtiger ist als Eigenverantwortung, ist so aktuell, dass der Stoff häufig auf die Spielpläne gesetzt wird. Am Deutschen Theater hat Lilja Rupprecht die Tragödie zusammen mit dem integrativen RambaZamba-Theater und einem Bürgerchor inszeniert.

Klare, schnörkellose Übertragung

Gespielt wird die Übersetzung von Walter Jens – eine klare, schnörkellose Übertragung, die trotzdem den hohen Tragödienton wahrt. Der Unterschied zu Sophokles besteht in den einleitenden 15 Minuten des Abends. Da flattern Lisa Hrdina vom DT und Jonas Sippel von RambaZamba als Krähen, als Todesvögel mit schwarzen Schnabelmasken am Bühnenrand hin und her und erzählen durchaus unterhaltsam aus der Vorgeschichte Antigones – vom Fluch, der auf dem griechischen Herrschergeschlecht liegt, von Laios und seinem Sohn Ödipus, der den Vater erschlägt und mit seiner Mutter die vier Kinder Eteokles, Polyneikes, Ismene und Antigone zeugt. Als er seine Schuld erkennt, sticht er sich die Augen aus und geht ins Exil, während seine Söhne sich um den Thron streiten.

Antigones Tragödie setzt ein, als sich die Brüder auf dem Schlachtfeld getötet haben. Ihr Onkel Kreon übernimmt die Macht und befiehlt, dass Polyneikes, der Angreifer, vor den Toren der Stadt verrotten soll, ihn niemand begraben darf. Antigone sieht damit jedoch die Totengötter entehrt – sie bestreut ihren Bruder mit Sand und wird dafür von Kreon in eine Höhle eingemauert. Sie hängt sich auf – und Haimon, ihr Verlobter, gleichzeitig Kreons Sohn, folgt ihr in den Tod. Als Haimons Mutter von diesem Verlust erfährt, tötet sie sich ebenfalls, sodass Kreon, der seine Entscheidung längst bereut hat, allein und gebrochen zurückbleibt.    

Eine ganz eigene Mischung

Beim RambaZamba-Theater treten Schauspieler mit und ohne Behinderung auf,  hinzu kommen bei dieser Produktion die Schauspieler des Deutschen Theaters und die Laien vom Bürgerchor – eine ganz eigene Mischung. Für den Chor hat Lilja Rupprecht eine diverse Besetzung gewählt, eine alte Frau ist dabei, ein junger Mann, eine Frau mit asiatischen Wurzeln, eine mit vermutlich südamerikanischen – so soll wohl unsere heterogene Gesellschaft abgebildet werden.

Die Hauptrollen hat sie jedoch so besetzt, dass sich zwei Welten gegenüberstehen. Kreon, der auf die Staatsräson pocht, wird von Manuel Harder vom DT gespielt. Zora Schemm, eine der großen Protagonistinnen bei RambaZamba, gibt Antigone, die angstfreie Rebellin, die aus Schwesternliebe handelt. Schemm ist eine Erscheinung: Während alle Spieler in schwarz-weiß gehüllt sind, trägt nur ihre Antigone ein blutrotes Kleid; zusammen mit Schemms spiegelblanker Glatze, ihrem gestochen scharfen, harten, langsamen Tonfall und ihrem aufrechten Gang wirkt sie von vorneherein wie eine entrückte Heldin, eine Außenseiterin par excellence. Ins gegenteilige Extrem treibt Manuel Harder seinen Kreon. Mit zurückgelegtem Haar und arrogantem Tonfall wirkt er von vorneherein wie ein machtbesessener Zyniker, dem alle Mittel Recht sind, die Herrschaft zu verteidigen. Seinen Nichten, auch seinem Sohn gegenüber zeigt er nichts als Wut und Hass.

Diese schwarz-weiße Figurenzeichnung spiegelt sich im Bühnenbild. Eine schwarze Plane bedeckt den Boden und setzt sich am hinteren Bühnenrand zur Decke fort. Durchzogen ist sie von weißen Streifen, die in den seitlichen weißen Fadenvorhängen wiederkehren – dahinter sitzen jene Spieler, die gerade nicht am Zug sind.

Alle, bis auf die rote Antigone, tragen schwarze Kleider, die sich zum Boden hin ins Grau bis ins strahlende Weiß abstufen. Doch während dieser Kontrast der Bühne eine schöne Poesie und Klarheit verleiht, geraten die Figuren dadurch allzu simpel: Antigone vereint alles Gute, sie folgt ihrem Herzen, ihrem Glauben – Kreon ist nichts als gefühlskalter Despot.

Bühnenszene
Bild: Arno Declair

Zwischentöne und Ambivalenzen sucht man vergebens

Wäre es so schlicht, hätte Sophokles’ Drama wohl keine 2500 Jahre überlebt. Zur Tragödie wird der Stoff, weil sich in Antigone und Kreon zwei gleichstarke Figuren gegenüberstehen, die auf ihre Weise beide im Recht sind. Kreon will dem Volk beweisen, dass er alle Widersacher bestraft, die die Stadt angreifen – deshalb das Bestattungsverbot. Ausgerechnet für seine Nichte kann er die Regel kaum brechen.

Die klar verteilten Sympathien führen zu einer allzu statischen Inszenierung. Es wird proklamiert, der Zeigefinger in die Höhe gereckt, am Ende mit blutroter Farbe herumgeschmiert – Zwischentöne, Mischfarben, Zweifel und Ambivalenzen sucht man vergebens.

Barbara Behrendt, kulturradio

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