Szenebild "Black Maria"
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater - Black Maria

Bewertung:

Ein Stück gegen den Realismus und das große Drama. Denn der kleine Knacks kommt dem Leben doch viel näher als die große Tragödie.

René Pollesch ist der Autor und Regisseur mit den kreativsten Stücktiteln. Zum Beispiel: "Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors!" oder, auch schön: "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!" Die Volksbühne zu Castorf-Zeiten wurde auch durch ihn zur Kultbühne – inzwischen hat er in Berlin eine neue Heimat gefunden: am Deutschen Theater. Dort wurde nun seine neue Arbeit uraufgeführt, mit dem vergleichsweise unspektakulären Titel "Black Maria".

Klein und schwarz lackiert

Die Black Maria, das erzählen die Spieler auf der Bühne, war 1893 das erste kommerzielle Filmstudio der Welt. Klein und schwarz lackiert erinnerte es an die Pferdekutschen, die damals die Gefangenen transportierten – die "Black Marias". Die wiederum waren benannt nach dem berühmtesten Rennpferd der damaligen Zeit. Normalerweise darf man sich von Polleschs Titeln nicht fehlleiten lassen – meistens haben sie wenig bis gar nichts mit dem Abend zu tun und klingen einfach gut. Hier ist das anders. Das kleine Filmstudio mit schwarzer Dachpappe steht als drehbares Haus auf der Bühne und dient als Filmset. Manche Szenen spielen vor dieser nachgebauten Black Maria, viele im Inneren, sodass immer wieder gefilmt und nach Draußen projiziert wird.    

Konstante Debatte über Licht und Rollen

Film, seine Geschichte, seine Philosophie, seine Mittel bilden die Klammer des Abends. Astrid Meyerfeldt etwa stapft mit Gewehr ums Haus und erzählt von Goldgräbern, dazu dröhnt pathetische Westernmusik. Später wird ein Trailer abgespielt, der an den Vorspann früher James-Bond-Filmen erinnert. Inhaltlich dient diese konstante Debatte über Licht und Rollen als Sinnbild für die Frage nach Sichtbarkeit und Repräsentation: im Film, auf der Bühne – aber auch im wirklichen Leben.

Verschwurbeltes Debattentheater

Pollesch kehrt die Zuschreibungen in ihr Gegenteil: Bei ihm wollen die Schauspieler nicht im Rampenlicht stehen, sondern im Ungefähren, im Schemenhaften bleiben, wo eine größere Rollenfreiheit herrsche als im gleißenden Licht. Darauf folgt die zweite Umkehrung: Der weiße Mann, in unserer Gesellschaft der Überrepräsentierte, der überall Sichtbare, ist bei Pollesch der Unsichtbare. Und zwar, Achtung: weil dieser Mann sich in alles chamäleonhaft verwandeln kann. Anders als eine Frau, ein Mensch anderer Hautfarbe, der mit seinem Geschlecht, seiner Haut sofort "markiert" und sichtbar ist.

Verschwurbeltes Debattentheater ist das, ja, man versteht beim rasenden Tempo der Pollesch-Spieler auch stets nur die Hälfte. Und doch gleiten die fünf spritzigen Spieler derart beschwingt über die redundanten Gedankenschleifen, die Höhen und Tiefen dieses philosophischen Theoriediskurs-Theaters, dass der Abend zum virtuosen, komischen, boulevardesken Kunststück wird.

Szenenfoto "Black Maria"
Bild: Arno Declair

Ungeheuer lustiges, erfrischendes Zusammenspiel

Franz Beil, Astrid Meyerfeldt und Katrin Wichmann, bestens Pollesch-erprobt, treffen hier auf Benjamin Lillie und Jeremy Mockridge aus dem DT-Ensemble. Vor allem Lillie ist mit seiner oberlehrerhaften Ironie und schlaksigen Gestikulation ein Performance-Naturtalent. Franz Beil gibt hier den begriffsstutzigen Schönling, Astrid Meyerfeldt den labernden Goldgräber mit großen Kulleraugen, Katrin Wichmann die Saloon-Lady, die ihre Sätze abfeuert wie ein Sturmgewehr. Ein ungeheuer lustiges, erfrischendes Zusammenspiel. Und auch ein deutlich spannender, funkelnderer Abend als die nette, liebevolle kleine Komödie "Cry Baby", bei der Sophie Rois die große Starrolle innehatte.

Es geht mal wieder um etwas

Hier wird mehr gepumpt, gequasselt, philosopiert, gewettert und brilliert – es geht mal wieder um etwas. Pollesch widerspricht einmal mehr dem großen Trend (im Theater wie im Leben) hin zum Authentischen. Ein Abend gegen das Repräsentationstheater. Frei ist, wer viele Rollen annehmen kann, wer nicht festgelegt wird. Genauso ist es ein Abend gegen den Realismus und das große Drama. Der kleine Knacks, so Pollesch, kommt dem Leben doch viel näher als die große Tragödie. Als running-gag zieht sich der sogenannte "Anschlussfehler" durch die Inszenierung, etwa, wenn im Film in der ersten Szene die Zigarette kürzer ist als in der zweiten. Eine schöne Metapher – für die Liebe, das Leben und für den sonstigen Murks, der einem täglich begegnet. Nichts als Anschlussfehler.

Barbara Behrendt, kulturradio

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