Hans Otto Theater Potsdam: Gehen oder der zweite April © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "Gehen oder Der zweite April"

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Lore und Arno sind seit 50 Jahren ein Paar. Und beide wollen als Paar gemeinsam aus dem Leben scheiden. Bei einem Abendessen mit ihren erwachsenen Kindern teilen Lore und Arno ihr Vorhaben mit ...

Gibt es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben? Das Stück "Gehen oder der zweite April" von Jean-Michel Räber stellt diese Frage sehr direkt. Es erzählt von zwei alten Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden möchten, doch ihre Kinder haben kein Verständnis dafür. Schließlich geht es den beiden noch halbwegs gut. Arne hat zwar mit den ersten Anzeichen von Alzheimer zu kämpfen, doch seine Frau Lore ist noch gesund. Sie hilft ihm, ohne ihn spüren zu lassen, wie seine Vergesslichkeit sie nervt. Eigentlich ist noch alles gut. Doch die Angst, dement zu werden und anderen zur Last zu fallen hat beide gepackt. Sie planen ihren Selbstmord. Als Datum haben sie den 2. April festgesetzt. Die Kinder reagieren mit Entsetzen. "Wie könnt ihr so etwas tun?" fragen sie. "Warum sollen unsere Enkel ohne Großeltern aufwachsen?" – auf einmal sehen die beiden Alten, die eigentlich nur in Würde sterben wollen, wie Egoisten aus.

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Neben dem Hauptkonflikt zwischen Kindern und Eltern, gibt es auch zahlreiche Nebenkonflikte. Die Kinder streiten sich untereinander, sie haben Beziehungsprobleme und beruflichen Stress – da wird sehr viel angedeutet. Dem Autor Jean-Michel Räber ist ein psychologisch-dichtes, hochspannendes Stück gelungen. Man fragt sich, ob die Eltern den Schritt, den sie am Anfang ankündigen, am Ende auch gehen werden.

Doch dem Regisseur Frank Abt reicht diese Spannung nicht. Er hat dem Kammerspiel, das zum größten Teil im Wohn- und Esszimmer der Eltern spielt, eine zweite Ebene aufgesetzt. Die Bühne ist leer. Vorn rechts gibt es zwei Stühle, auf denen fast lebensgroße Schaumstofffiguren sitzen, die die beiden Alten symbolisieren. Hinten links erblickt man die Kulisse eines piefigen Einfamilienhauses. Mal wird die Außenfassade nach vorn gedreht, mal der Innenraum mit der Einbauküche und einem winzigen Tisch – alles so klein, dass Familientreffen, wie der Autor sie im Stück beschreibt, eigentlich gar nicht möglich sind. Die Figuren stehen mal im, mal neben dem Häuschen, die Szenen werden mal direkt gespielt, mal mit Hilfe der Schaumstoffpuppen. Das sorgt für eine Verfremdung, die hier gar nicht nötig wäre – schließlich ist das Familienwohnzimmer, schon für sich ein Zeichen. Jeder kennt aus dem Ruder laufende Familienfeiern, jeder weiß, dass Familie Schutz, zugleich aber auch Einschränkung bedeutet. Durch die Puppen, wird die Situation aufgebrochen und verallgemeinert. Aus Arne und Lore werden austauschbare Typen, was wirklich kontraproduktiv ist, denn hier geht es ja um eine sehr konkrete Situation.

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Dass einem die Geschichte trotzdem unter die Haut geht, hat mit der Klarheit des Konflikts und der Ausdruckskraft der Darsteller zu tun. Rita Feldmeier und Joachim Berger spielen die beiden Alten mit so viel Wärme und Intensität, dass man sie einfach ins Herz schließen muss. Man spürt ihre Angst, als sie den Kindern ihren Entschluss mitteilen, man leidet mit ihnen, als die Kinder negativ reagieren. Es brechen Konflikte auf, die in der Familie wahrscheinlich lange unter den Teppich gekehrt wurden. Die Kinder fühlen sich nicht richtig anerkannt und geliebt. "Wenn ihr stolz auf uns wäret, würdet ihr uns nie verlassen.", behauptet der Sohn. Und er bezweifelt auch, dass seine Mutter freiwillig in den Tod gehen möchte. Sie sei schließlich noch ganz gesund. Er klagt den Vater an, die Mutter ermorden zu wollen, was diese natürlich verletzt. Sie wirft ihrem Sohn Arroganz vor, weil er ihr die Fähigkeit abspricht, die Tragweite ihres Entschlusses zu überblicken. Es wird viel schmutzige Wäsche gewaschen und am Ende wird es nicht wieder gut. Die Inszenierung hat in den Schlüsselszenen die erforderliche Intensität. Man geht mit Fragen im Kopf nach Hause, über die es sich lohnt nachzudenken.

Oliver Kranz, kulturradio

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