Konzerthaus Berlin: Saisoneröffnung, Iván Fischer © Marco Borggreve
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Konzerthaus Berlin - Iván Fischer dirigiert die Neunte von Gustav Mahler

Bewertung:

Lange hört es sich so an, als ob Iván Fischer mit Freude und Genuss komplett an Mahlers Neunter vorbeidirigiert. Dann aber, im letzten Satz, gelingt ihm immerhin eine atemberaubende Interpretation.

Die Neunte von Gustav Mahler dirigiert Iván Fischer spürbar gerne. Auf CD ist das schon zu haben mit seinem Budapest Festival Orchestra. Und auch bei seinem ehemaligen Orchester, dem Konzerthausorchester Berlin, wo er Ehrendirigent ist, hat er etwas damit vor, wenngleich erst spät wirklich überzeugend.

Viel ist über diese Sinfonie geschrieben worden. Es ist das letzte vollendete Werk Mahlers, ein Werk des Abschieds, komponiert, als Mahler bereits schwer krank war, die Tochter gestorben, und schon mitten in einer Ehekrise. Das ist ein Abgesang, der noch einmal dekadenten Schönklang evoziert, Opulenz und Plüsch, das alles aber nur noch anklingen lässt. Längst hat es Rost angesetzt, es funktioniert nur noch als Zitat, teilweise verzerrt und karikaturenhaft, und zerfällt dann in nichts. Die Romantik hat hier längst ihre Halbwertszeit überschritten.

Zu schön

Iván Fischer lässt diese Spätromantik noch einmal auferstehen. Der erste Satz, der sich endlos dehnt, zeigt ein akustisches Plüschsofa, einen großen Salon mit alten Möbeln. Da lässt man es sich noch einmal richtig gutgehen. Ein Schaumbad der Klänge. Fischer holt da schon mal alles aus dem Orchester heraus.

Aber es ist eben nicht nur schön, sondern zu schön. In vollster Makellosigkeit läuft das alles ab. Aber das ist noch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit. Eigentlich müsste alles bröckeln und abplatzen. Dabei sitzt man hier und trinkt Rotwein, nur müsste der eigentlich nach Essig schmecken.

Gutes Orchesterniveau

Das Konzerthausorchester präsentiert sich in hervorragender Form, das muss man anerkennen. Die Musikerinnen und Musiker spielen auch spürbar gerne unter ihrem ehemaligen Chef und folgen seinen Handbewegungen mit größter Präzision. Alles, was er dirigiert, findet man im Klang wieder. Und gerade die Solisten, die hier besonders gefordert sind: Horn, Flöte, Fagott, Englischhorn, liefern Meisterleistungen ab.

Kritisch muss man jedoch anmerken, dass Iván Fischer zu sehr wieder Pedant ist, der alles ausdirigiert und das Orchester an der kurzen Leine führt. Dadurch wird ein Detail ans andere gereiht, das hemmt den Fluss. Warum kann er nicht einfach mal loslassen?!

Neujahrskonzert mit Sachertorte

Am Stück dirigiert Iván Fischer jedoch vorbei, besonders im zweiten Satz. Da liefern sich die Dreivierteltakt-Parodien ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aber wo bleibt hier die Ironie? Der Walzer, der sich hier zu Tode rennt, klingt so harmlos – das könnte auch problemlos in einem Wiener Neujahrskonzert Platz finden.

Der Ländler, der bei Mahler schon unter einer meterdicken Staubschicht liegt, ist wie echte Wiener Sachertorte, köstlich und schwer im Magen liegend. Keine Spur von Abschied, von etwas, das eigentlich längst vorüber ist.

Im langsamen Finale geschieht dann das Wunder: Schon schien auch dieser Satz zu gegenwärtig und schön. Aber dann dreht Iván Fischer auf. Der Klang wird immer praller und dichter, kommt wie eine Wand auf den Hörer zu, drückt einen in den Sitz, nimmt die Luft. Fischer steht vor dem Orchester, fuchtelt und will immer noch mehr. Da bekommt man Angst, dass den Geigen die Saiten reißen.

Und dann ist plötzlich nichts mehr da – ein bisschen Sphärenmusik, irgendwelche Klangreste. Hier hat sich Iván Fischer endlich zu einer Haltung durchgerungen – ein letztes Aufbäumen, und dann bleiben nur noch Brocken toter Sterne im Weltall. Hier hat Iván Fischer im letzten Satz eine wirklich Interpretation gefunden, die dem Werk gerecht wird. Diese halbe Stunde zählt zum Ergreifendsten, was man jemals im Konzert gehört hat.

Andreas Göbel, kulturradio

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