Andrei Gavrilov © Christina Daysog Concert Artists
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Philharmonie Berlin - German National Orchestra und Hungarian Symphony Orchestra mit Andrei Gavrilov

Bewertung:

Zwei überforderte Orchester, ein uninspirierter Dirigent und ein ehemals großartiger Pianist, der aus Rachmaninows Musik eine Karikatur macht – schlimmer kann ein Konzertabend kaum ablaufen.

Man muss ein wenig suchen und recherchieren, um etwas über das "German National Orchestra" und das "Hungarian Symphony Orchestra" herauszubekommen. Im Programmheft erfährt man allenfalls, wo die überall in der Welt gespielt haben. Die Homepage des Hungarian Symphony Orchestra verrät, dass das Orchester eine über hundertjährige Geschichte hat, vor über zehn Jahren aber Subventionskürzungen hinnehmen musste und nun in einer Mischung aus staatlicher und privater Förderung existiert.

Noch schwieriger ist die Suche nach dem "German National Orchestra". Man kommt dann irgendwann auf das Philharmonische Kammerorchester Berlin und landet beim Dirigenten Michael Zukernik, der das vor etwa anderthalb Jahrzehnten gegründet hat.

Der Dirigent

Michael Zukernik stammt gebürtig aus Moskau, ist Ende 40 und ein Multitalent. Er hat zunächst Schlagzeug studiert, dann Dirigieren, u. a. auch in Berlin. Er dirigiert alles von Klassik – da finden sich in seiner Vita zahllose B-Orchester der ganzen Welt – über "Classic Rock" – darunter versteht man Musik von den Beatles oder Phil Collins – bis hin zu Filmmusik.

Daneben hat er auch seine eigene Konzertagentur in der Schweiz, wo er inzwischen lebt. Und da kommt alles zusammen, denn diese Agentur hat auch das gestrige Konzert organisiert, und das immerhin so erfolgreich, dass der Große Saal der Berliner Philharmonie komplett voll war.

Die Moldau

Michael Zukernik ist eine ungewöhnliche Erscheinung. Er betritt die Bühne im Schneckentempo, ganz ernst, kein Lächeln, keine Verbeugung. Er steht einfach da und nimmt den Applaus des Publikums entgegen. Erst am Ende des langen Programms wirkte er etwas gelöster. Aber genauso ernst, um nicht zu sagen: emotionsarm hat er auch dirigiert – und das bei Werken der Spätromantik, die große Gefühle und bewegende Geschichten transportieren.

Von Bedřich Smetanas "Moldau" erfährt man hier nicht viel, sie läuft ab, fast im doppelten Sinne. Die beiden Orchester haben hörbar Probleme: Man ist nicht immer zusammen, die Intonation bereitet oft Schwierigkeiten, die Balance stimmt gar nicht, denn alle spielen irgendwie und immer gleich. Die Zutaten sind da, aber man hört kaum etwas heraus, alles in Einheitssoße zerkocht. Die Spitzentöne der Bläser quietschen in den Ohren. Entwicklungen, Dramaturgie gibt es kaum – wo es versucht wird, landet es in einer Vollbremsung. So schlecht hat man das Stück selten gehört.

Scheherazade

Nach der Pause dann Nikolaj Rimskij-Korsakows Suite "Scheherazade", ein abwechslungsreiches, brillant instrumentiertes Werk. Die Geschichten aus 1001 Nacht erzählen sich hier eigentlich von selbst. Allerdings nicht, wenn es so langatmig, spannungsarm und espritlos gespielt wird.

Es sind wieder die schon bekannten Probleme, es ist unscharf, der Farbenreichtum erinnert eher an schwarz-weiß, auch hier stimmt die Balance im Orchester nicht. Geigen- und Cellosolo klingen ordentlich und brav geübt. Vom Dirigenten kommen auch keine Impulse – kurz: eine Dreiviertelstunde Langeweile.

Der Pianist

Andrei Gavrilov wäre eigentlich ein Grund gewesen, das Konzert zu besuchen. Der russische Pianist ist eine geniale Begabung und hat eine unglaubliche Biographie hinter sich, ein ständiges Auf und Ab. Den Tschaikowsky-Wettbewerb hat er gewonnen, wurde dann wegen kritischer Äußerungen gegen die Sowjetunion in die Zwangspsychiatrie eingewiesen, konnte allerdings durch Einfluss von Gorbatschow in den Westen ausreisen. Später gab es eine Lebenskrise, aber er ist immer wieder aufgetaucht, hat eine neue Karriere gestartet. Bei seinem Berliner Gastspiel wirkte er fröhlich, hat ins Publikum gewunken und seine Zugaben witzig angesagt. Da konnte man bei Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert einiges erwarten.

Umso größer war die Enttäuschung, als sich seine Interpretation als Karikatur des Werkes herausstellte. Bässe und Akkorde wurden wie Pfeiler in den Boden gerammt, Melodiefragmente herausgehackt, der Rest irgendwie versäuselt. Virtuosität, durchaus noch vorhanden, hatte keine Brillanz, klang eher nach Kopfsteinpflaster. Rubati schwankten bedenklich hin und her. Das klang hemdsärmlich heruntergespielt. Aber Gavrilov hatte offensichtlich seine Freude daran, ebenso wie bei einem der frühen Klavierstücke von Sergej Prokofjew, einer von drei Zugaben, das er nur noch hemmungslos krachend in die Tasten donnerte. Kurz: ein in jeder Hinsicht furchtbarer Abend.

Andreas Göbel, kulturradio

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