Elena Bashkirova © Gregor Baron
Gregor Baron
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Philharmonie Berlin Kammermusiksaal - Klavierabend Elena Bashkirova

Bewertung:

Kein Klavierabend der virtuosen und lauten Töne. Elena Bashkirova sucht den Weg ins Intime der Musik – und lauscht bekannten und weniger bekannten Werken erstaunliche Facetten ab. Eine wunderbare Musikerin.

Klavierabende mit Elena Bashkirova sind selten. Während ihr Mann Daniel Barenboim hier in Berlin überpräsent ist, zählen ihre Auftritte zu den Geheimtipps. Wenn sie sagt, dass sie mit Barenboim nur so selten gemeinsam spielt, weil beide Privates und Berufliches trennen wollen, scheint es dafür aber auch noch einen anderen Grund zu geben: Musikalisch sind sie komplett verschieden.

Während Daniel Barenboim gerne, wohl auch wegen zu geringer Übezeit, mit breitem Pinsel gestaltet, plakativ und überdeutlich, ist Elena Bashkirova eine Meisterin des Ausdrucks, der tausend Klangfarben und geradezu versessen auf Details.

Mozart: kein Sonnenscheinkomponist

Wenn Elena Bashkirova Mozart spielt, schüttet sie ihr Herz aus, zeigt sie eine Überfülle an Emotionalität. Wer immer noch meint, Mozarts Musik sei schön, freundlich und nett, durfte hier anderes, Besseres erleben. In der d-Moll-Fantasie gehört nicht viel dazu, den großen ersten Teil traurig und melancholisch zu spielen. Sie steigert das noch: Man hört die Trauerglocken unbarmherzig gleichmäßig schlagen, dann eine einsame, verlorene Melodie. Es ist ein Lauschen nach innen.

Elena Bashkirova zeigt ihre Qualitäten in den kleinen reichen Momenten. Sie braucht nur wenige Töne zu spielen, schon ist die Musik ganz nah. Sie singt am Klavier, ganz in sich zurückgezogen, nur um es dann umso extremer hervorbrechen zu lassen in permanenter Unruhe. Mozart, so macht sie unmissverständlich klar, ist eben nicht der Sonnenscheinkomponist, als den ihn immer noch viele missverstehen – er ist ein Dramatiker der Musik.

Mozart: keine Komfortzone

Wenn Elena Bashkirova Mozart spielt, wirkt es eigentlich reichlich romantisch. Dennoch fühlt sie sich in einem Aspekt der historisch informierten Aufführungspraxis verpflichtet. Bei Mozart gibt es viele Wiederholungen, und wehe man spielt sie gleich. Mozart erwartet von seinen Interpreten, dass sie verzieren und variieren. Manche Pianisten tun das gar nicht, andere ganz dezent. Elena Bashkirova tut das geradezu exzessiv.

Bei ihr ist jede Wiederholung anders, und sie riskiert alles. Der Preis, den sie zahlt: mal ist es undeutlich, verhuscht, flüchtig, fahrig, sie springt im Tempo, und auf einmal hat man Angst, dass man nichts mehr versteht. Aber dieser Preis ist gerechtfertigt: Das klingt wie improvisiert – und Mozart konnte genial improvisieren! – die Werke entstehen neu. Sie holt Mozart aus seiner vermeintlichen Komfortzone. Kein Wellness-Bereich, sondern lebendige, aufregende Musik, bei der man mitfiebert.

Dvořák: geschliffene Kostbarkeiten

Antonín Dvořák ist als Klaviermusikkomponist so gut wie gar nicht präsent. Das ist auch kein Wunder: Es selbst war ein denkbar mittelmäßiger Klavierspieler, und so sind seine Klaviersachen auch gesetzt: unangenehm zu greifen, technisch nicht mal besonders schwer, dafür aber mit Sprüngen und Griffen, die einen ratlos machen und für verknotete Finger sorgen.

Elena Bashkirova muss davor keine Angst haben. Wenn sie eine Auswahl aus den „Poetischen Stimmungsbildern“ spielt, zaubert sie Tongemälde von erhabener Schönheit. Als wenn sie ein Märchenbuch aufschlägt und daraus vorliest, so lässt sie die Melodien und Tänze funkeln und glitzern. Da wird jeder Ton zur geschliffenen Kostbarkeit. Das ist ihre große Stärke und ihre musikalische Persönlichkeit: in vier Minuten eine ganze Welt zu erschaffen. Das ist nicht der große Zampano Barenboim, der die Massen begeistert, sondern ihre Einladung in ihr musikalisches Wohnzimmer. Reichtum im Kleinen.

Bartók: die Ebene hinter der Brutalität

Wie kann Elena Bashkirova dann die Sonate von Béla Bartók spielen: ein motorisches, mechanisches, hartes und brutales Werk?! Das Klavier ist hier nur noch das, was es eigentlich auch tatsächlich ist: ein Schlaginstrument, bei dem die Hämmer an die Saiten geschleudert werden. Aber nicht bei Elena Bashkirova. Sie zeichnet eine Welt voller Freundlichkeit. Wie geht das?! Streichelzoo statt Raubtierkäfig?? Kann man so an dieser Musik vorbeispielen???

Aber dann wurde klar, was hier passiert ist: Sie blickt hinter die brutale Fassade. Und sie entdeckt die große Verletzlichkeit dieser Musik, die Sehnsucht nach Wärme, nach echten Gefühlen. Diesen Mut muss man erst einmal aufbringen, dieser Sonate diesen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Elena Bashkirova braucht kein Divengehabe, keine billige Virtuosität. Sie ist einfach eine großartige Musikerin.

Andreas Göbel, kulturradio

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