Matthias Goerne; © Marco Borggreve
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Philharmonie Berlin - Liederabend Matthias Goerne

Bewertung:
Matthias Goerne, Meister der Liedgestaltung, und Daniil Trifonov, einer der gefeiertsten Pianisten-Jungstars und derzeit Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, geben einen Abend zum Thema Vergänglichkeit und Tod und bringen damit dem noch jungen Neuen Jahr anderthalb Sternstunden.

So ausverkauft sieht man den Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie selten. Wo überhaupt noch Platz war – hinter den letzten Reihen und im Innenring – waren zusätzliche Stühle aufgestellt. Die beiden Künstler bürgen für Qualität, aber auch das ungewöhnliche Programm.

Keine leichte Kost wurde da geboten: enttäuschte Liebe, vor allem aber Endlichkeit, Tod und Glauben – da ging es um Fragen, die letztlich jeden betreffen. So unterschiedlich sich Dichter und Komponisten damit auseinandergesetzt haben, so sehr war diese intelligente Zusammensetzung ein Ganzes, und daher gab es nicht nur keine Pause, sondern überhaupt keine Unterbrechung. Da war von dem einen Liederzyklus der letzte Akkord noch nicht ganz verklungen, schon begannen die ersten Töne des folgenden. Überhaupt war es eine besondere Atmosphäre, beide Künstler im Zwielicht, die Beleuchtung halb abgedimmt.

Seelendarsteller

Matthias Goerne ist ein Sänger, der diese existenzialistischen Themen hervorragend darstellen kann. Wobei "Darstellen" zu kurz greift: Er durchlebt das alles. Der Notenständer steht zur Sicherheit da, aber Goerne blickt kaum mal hin, bewegt sich auf und ab, steht kaum mal gerade. Der Körper ist verdreht, schief und gerundet.

Schöne Melodien sucht man bei ihm vergebens. Schon am Beginn der frühen Gesänge op. 2 von Alban Berg zieht er das erste Wort "Schlafen" so herunter, dass es wie ein Gähnen klingt. Goerne lebt ganz von der Geste: mal tonlos, fast gemurmelt und geflüstert in sich hinein, dann schreit er, dass man fast in Deckung gehen möchte. Dieser Sänger ist ein Seelendarsteller, er schont weder sich noch das Publikum.

Dichterliebe

Robert Schumann Liederzyklus "Dichterliebe" haben schon viele Sänger*innen interpretiert, diese Geschichte von Liebeshoffnung, Enttäuschung, Schmerz und dem Lossagen von alledem. Matthias Goerne singt das vom ersten Ton an wissend. Selbst dort, wo noch alles schön ist – oder sein könnte –, hat es eine Süße, die unglaublich wehtut, weil schon das ganze Leid mitschwingt.

Goerne ist ein Meister der Pausen. Das ist ein Innehalten, Zweifeln, Nachsinnen. Dann wieder bricht es aus ihm heraus, er wird richtig laut, böse und ungerecht, verliert jedes Maß. Das macht seine Darstellung so menschlich, so wiedererkennbar, wo es doch jedem mal so geht. Keine schöne, aber dafür eine umso ehrlichere Darstellung, und denkbar berührend.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Bei den Liedern von Hugo Wolf, Dmitrij Schostakowitsch und Johannes Brahms geht es dann um das Eigentliche, um die Vergänglichkeit. Und Matthias Goerne deklamiert und lamentiert vor sich hin, manchmal auch scheinbar ganz verwundert. Bei Schostakowitsch, in russischer Sprache, muss er die Brille aufsetzen, das geht dann doch nicht ganz so souverän. Aber über die Noten gebeugt wirkt es wie eine Lesung, so konzentriert und durch ihn durchgehend.

Dann, am Schluss, in den vier ernsten Gesängen von Brahms wirkt er wie gelöst. Ein letztes Mal ein Ringen um die wahren Dinge, und dann löst es sich auf in Glaube, Liebe und Hoffnung. Und dass die Liebe die Größte ist, wirkt bei ihm so froh und glücklich, das überträgt sich direkt auf das Publikum. Wie er das singt, ist es eine einzige Umarmung. Muss man da noch erwähnen, dass Matthias Goerne einer der derzeit grandiosesten Liedinterpreten überhaupt ist?!

Daniil Trifonov © Dario Acosta/DG
Bild: Dario Acosta/DG

Entwaffnende Naivität

Daniil Trifonov, der Wunderpianist mit den genialen Fingern als Liedbegleiter? Nein, das ist er natürlich überhaupt nicht. Mit seinem präsenten, direkten Anschlag und seiner Kraft setzt er Goerne ziemlich unter Druck. Der muss gegenhalten, um nicht überflutet zu werden, aber diese Herausforderung braucht er. Trifonov hat sich statt des üblichen Steinway einen Bösendorfer-Flügel hinstellen lassen. Da gelingen die einsamen Akkorde bei Schostakowitsch wie von selbst. Der Flügel ist wie ein schwerer Rotwein. Zur Liedbegleitung funktioniert das nicht immer, aber hier ist das die Lösung.

Wo Matthias Goerne gerne mal das Selbstquälerische zelebriert und für alle spürbar leidet, ist Daniil Trofonov oft so frei von allen Zweifeln. Wenn Goerne in der "Dichterliebe" alle Liebe und Schmerz beerdigt hat, folgt das lange Klaviernachspiel, das Trifonov mit solcher Freundlichkeit und mit sanftem Anschlag darbietet, dass die Seele gestreichelt wird und alle Wolken verschwunden sind. Man kann lange darüber diskutieren, ob hier vielleicht so manche Dimension fehlt, aber Trifonovs gestalterische Naivität ist einfach nur entwaffnend.

Selbst die Zugabe beglückt: Johann Sebastian Bachs (oder richtiger: Gottfried Heinrich Stölzels?) "Bist Du bei mir" aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, auf jeden Fall eines der schönsten barocken geistlichen Lieder voller Zuversicht und Trost. Und da spielt es dann auch keine Rolle, was jeder im Publikum glaubt oder auch nicht – da geht man einfach nur glücklich in den Abend.

Andreas Göbel, kulturradio

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