Jan-Lisiecki © Holger Hage/Deutsche Grammophon
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Philharmonie Berlin - "Royal Philharmonic Orchestra" mit Jan Lisiecki

Bewertung:

Ein Pianist auf der Suche nach seinem Personalstil, ein allenfalls solide agierender Dirigent und ein Orchester, das auf Tournee erst einmal warm werden muss, dann aber seine Qualitäten ausspielen kann.

Jan Lisiecki ist derzeit in Berlin ein häufiger Gast. Vor zwei Monaten war er für Murray  Perahia mit allen Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven eingesprungen. Jetzt also das zweite Klavierkonzert von Frédéric Chopin, und damit hat er keine Probleme. Die Technik beherrscht er, kann sie mühelos abschnurren lassen und auch (fast) jedes beliebige Tempo gehen. Das ist durchaus sympathisch, wie er komplett unbekümmert die Läufe hinauf- und wieder hinunterjagt.

Da gehen schon mal die Pferde mit ihm durch, und er knallt die Akzente in die Tasten. Oder genau das Gegenteil, wenn er die Brillanz hinter Nebenstimmen verschwinden lässt. Das ist für einen Moment durchaus originell, aber nur eine Scheinlösung. Denn eigentlich müsste er zeigen, dass auch bei Chopin Virtuosität kein Zirkuskunststück ist, sondern Teil des Ausdrucks.

Grünschnabel

Die Melodien in Chopins Konzert gelingen ihm überzeugender, er holt sie sehr direkt heran, blendet auf und ab und findet immer neue Klangfarben. Man hört gerne zu. Dennoch wirkte es oft ein wenig konstruiert und organisiert, ein wenig künstlich. Warum nicht einmal eine Melodie so spielen, wie man sie singen würde: einfach und geradeaus, ohne ständig Haken zu schlagen?

Mit seinen erst 23 Jahren ist Jan Lisiecki noch auf der Suche, und wie könnte es anders sein?! Er ist ein Riesentalent mit enormer Musikalität, er hat Ideen und probiert aus – wunderbar! Dennoch hat das alles noch etwas Grünschnabelhaftes. Jetzt muss er daran gehen, zu sich selbst zu finden, sich zu fragen, wohin er mit der Musik will, so dass man ihm abnimmt, dass es nur so und nicht anders sein kann. Aber er hat ja noch Zeit.

Ohne Chef

Das Royal Philharmonic Orchestra hat turbulente Zeiten hinter sich. Bis vor einem Jahr noch war Charles Dutoit Chefdirigent des Orchesters. Im Zuge von #MeToo musste er zurücktreten. Ihm werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Auch der Titel als Ehrendirigent des Orchesters wurde ihm aberkannt.

Vor einem halben Jahr wurde bekannt gegeben, dass Vasily Petrenko neuer Chefdirigent des Orchesters wird. Der Dirigent, der übrigens nicht mit dem designierten Philharmoniker-Chef Kirill Petrenko verwandt ist, kommt allerdings in voller Funktion erst in zweieinhalb Jahren. Eine lange Zeit ohne Chefdirigent.

Tourneeroutine

Der junge französische Dirigent Lionel Bringuier, der die aktuelle Tournee des Royal Philharmonic Orchestra leitet, ist nicht unumstritten. Vier Jahre war er beim Tonhalle Orchester in Zürich Chefdirigent, wurde dort nicht verlängert, weil man, so konnte man es der Presse entnehmen, künstlerisch mit seiner Leistung nicht zufrieden war. Der Vorwurf: solide, aber ohne echtes interpretatorisches Schwergewicht.

Das konnte man am Beginn des Programms in Berlin hören: Die Ouvertüre zu Otto Nicolais Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" war zuverlässig gespielt, aber ein bisschen wie mit Blei an den Füßen. Vielleicht mussten auch alle erst einmal warm werden und sich an den Saal gewöhnen. Das war wohl der Tournee geschuldet, da ist man an jedem Abend woanders: Auf Berlin folgen Köln, Stuttgart, Friedrichshafen, Freiburg und Frankfurt. Möglicherweise wollte man die Kräfte schonen.

Orchester mit Qualität

Nach der Pause konnte das Royal Philharmonic Orchestra aber dann die Qualitäten seiner Musikerinnen und Musiker unter Beweis stellen. Sicher, Nikolaj Rimskij-Korsakows "Scheherazade" ist so farbig und brillant instrumentiert, dass es sich von selbst macht und die ganzen Geschichten aus 1001 Nacht sofort vor das innere Auge führt, aber das Stück ist schon ein Prüfstein für die Qualität eines Orchesters.

Und hier wurde es nach und nach zum Genuss. Die Musik wirkte auf einmal leichter, dafür muskulöser. Die vielen Soli waren ein reines Vergnügen, besonders die Holzbläser genossen ihre Strahlkraft auf höchstem Niveau. Das hatte Gelenkigkeit, aber auch den Breitwandsound dieser spätromantischen Partitur. Auch das war keine interpretatorische Neuerfindung, aber immerhin konnte man sich hier zurücklehnen und einfach nur die Musik genießen.

Andreas Göbel, kulturradio

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