Tanztage Berlin 2019: "Sepia"; © Jana Sotzko und Annegret Schalke
Bild: Sotzko/Schalke

Sophiensæle - Tanztage Berlin 2019 – Eröffnung

Es ist schon Tradition: Immer in den ersten Januartagen präsentieren die jungen Tanzkünstlerinnen und -künstler Berlins ihre Choreografien. Der gestrige Eröffnungsabend hatte durchaus so etwas wie ein Thema oder einen roten Faden.

Die drei Choreografien waren geprägt von überraschender Sanftheit, Wehmut und Melancholie. Von einem stillen Blick ins eigene Innere und auf den Anderen. Ob im Versuch, die Selbstkontrolle zu verlieren oder in traumwandlerischen Tiefsee-Erkundungen oder bei einer das kindliche Selbst feiernden Geburtstagsparty: Die drei jungen Choreografinnen treffen sich im ruhig und skeptisch beobachtenden Schauen auf das Menschsein und auf die Seltsamkeiten, mit denen wir unsere Leben gestalten.

Tanztage Berlin 2019: Mirjam Gurtner – "Skinned"; © Gerhard F. Ludwig
Bild: Gerhard F. Ludwig

Sich-Fallen-Lassen

Mirjam Gurtner hat in ihrer Choreografie "Skinned" Momente des Stürzens und Fallens inszeniert, allerdings überwiegend in Slow Motion. Ein Sich-Fallen-Lassen als Dahinsinken, was sie selbst und ihre drei Mit-Tänzerinnen und -Tänzer zunächst ganz sanft gestalten, als ein Ineinander-Sinken, Aneinander-Schmiegen und zartes Sich-Verknäueln. Erst später laufen sie schnell, prallen hart aufeinander, stürzen zu Boden.

Das Trappeln der Füße, das Aufprallen der Körper, der schnaufende Atem – alle Geräusche werden mit Mikrofonen aufgenommen, verstärkt und verfremdet wieder abgespielt. Ein sich selbst spiegelnder Soundtrack wie ein verzerrtes Echo ihrer selbst.

Der Verlust von Selbstkontrolle und Sicherheit wird hier als Gewinn an Intimität und Nähe gezeigt. Wenn die vier wie in einem Wandrelief ineinander verschlungen stehen oder sich zu Skulpturen und Leibhaufen auftürmen oder den Körper des anderen nur mit dem Handrücken, mit der Stirn oder der Wange erspüren, ist das höchste Intimität: Ein Hautkontakt, der das Sich-Fallen-Lassen ermöglicht.

Choreografisch kein Schwergewicht, aber eine angenehm entspannte Erkundung in meditativer Atmosphäre als Suche nach neuen Möglichkeiten, sich selbst und anderen Menschen begegnen zu können.

Traumwandlerisches

In ihrer Choreografie "Sepia" hat Annegret Schalke poetischen Minimalismus choreografiert, ist in die Tiefsee abgetaucht und hat den Tintenfischen zugesehen – ein sehr sanftmütiges Traumgespinst aus Tanz, erzählten Geschichten und Licht-Installationen, geflochten von der als Performerin faszinierenden Annegret Schalke.

Im Tanz scheint sie dahinzufließen, weich und wie von Wasserströmen bewegt, wie in einem Unterwasser-Schwebezustand, still und ruhig. Das allein hätte genügt. Die biologisch-naturwissenschaftlichen Erklärungen über die Tintenwolken der Tintenfische und die anderen Meeres- und Kindheits-Erinnerungs-Stories wären nicht nötig gewesen, als Versuche, rätselhafte poetische Momente auch über die gesprochenen Texte zu erzeugen.

Faszinierend wie ihr Tanz, mitunter aber etwas umständlich im Arrangieren der Technik, sind die vielen wunderbaren Einfälle, mit Licht, Raum und Klang zu arbeiten: die Tonwellen des an Gummiseilen hängenden Waldhorns, das Ausleuchten aufsteigender, großer, roter Lampionschirme oder das flackernde, fließende Licht durch den sich öffnenden und schließenden Lamellenvorhang.

Annegret Schalke präsentiert viele phantasievolle und die Zuschauer-Phantasie stimulierende Einfälle, die aber dramaturgisch besser verbunden werden müssten.

Ironische Geburtstagsparty

Nina Burkhardt hingegen feiert in "The Idea of Satisfaction" das kindliche Selbst und dessen unbekümmertes Spiel, feiert die Jugend und das wehmütige Gefühl des langsamen Abschieds von ihr. Ihre Performer treten zunächst ernst und fast gelangweilt wie als ikonische Abziehbilder auf: als Prinzessin im Abendkleid oder Techno-Tänzerin in Szene-Sport-Klamotten, als Backfisch-Mädchen einer Pyjama-Party, als Vamp im bodenlangen, engen, schwarzen Gummikleid und fast nackter Toy-Boy in goldenem Höschen. Sie knabbern Eis, wälzen sich im Popcorn, verschlingen Schlagsahne, lassen die Sektkorken fliegen und der Toy-Boy reibt vor Lust fast stöhnend seinen Körper mit Öl und Goldpartikeln ein.

Es geht um die Erfahrung, ohne Vernunft, Reue und Scham die eigenen Lüste und Gelüste auszuleben, unmittelbare Befriedigung suchend das Kind in sich wieder zu entdecken.

Es wirkt zwar etwas kurios, die Wehmut des Älterwerdens, die Klage über den Verlust von Jugend und Schönheit ausgerechnet von jungen und schönen Menschen in ihren frühen Zwanzigern vorgeführt zu bekommen. Aber wenn dann Kunstnebel, Seifenblasen und Discokugel zum Einsatz kommen, wird klar, dass das alles auch ein Spiel ist, eine ironische Selbst-Bespiegelung.

Die Unmöglichkeit, immer im Kindergeburtstagsgefühl zu leben – nicht weiter relevant, aber genau beobachtet und in Szene gesetzt, hübsch gemacht und spaßig. Ein charmant-leichtgewichtiges Ende eines ansonsten überraschend ernsten und melancholischen Eröffnungsabends der Tanztage.

Frank Schmid, kulturradio

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