Status Quo
Arno Declair
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Schaubühne Berlin - Status quo

Bewertung:

Satirisch zugespitzte Gesellschafts-Komödie - die über den Status Quo unserer Beziehungen und Machtverhältnisse leider nichts neues erzählt.

Maja Zade ist Autorin, Dramaturgin, Regisseurin und Übersetzerin: ein künstlerisches Multitalent. Das trifft auch auf Marius von Mayenburg vor. Beide, Zade und Mayenburg, arbeiten oft und gern an der Berliner Schaubühne, wo sie eigenen Stücke schreiben und inszenieren und die Texte anderer AutorInnen übersetzen und bearbeiten. Jetzt haben sie sich zu einer gemeinsamen Produktion zusammengefunden: Maja Zade liefert den Theater-Text, Marius von Mayenburg führt bei der Uraufführung von "Status quo" Regie.

Wie kann man nur so leben?

Der gesellschaftliche Status quo und der szenische Bericht zum Stand der Dinge sieht so aus:  Wir blicken auf die privaten Beziehungs-Dramen, auf die Arbeits-Weisen und die gesellschaftliche Machtverhältnisse, auf materielle Ungleich und sexuelle Ausbeutung in unserer Gesellschaft, nur dass wir diesmal in den Spiegel schauen und alles seiten- oder spiegelverkehrt betrachten: Überall, ob in den privaten Liebes- und Ehe-Beziehungen oder in den sozialen und beruflichen Bereichen, haben die Frauen die Macht und das Sagen, bestimmen, wer welchen Job bekommt, und was der schlecht bezahlte Mann in seinem untergeordneten Job alles tun muss, um ihn zu bekommen und zu behalten.

Die an den Hebeln der Macht und auf den Chefinnen-Sesseln sitzenden Frauen beäugen und begrapschen die Männer nach Lust und Laune und lassen den zum Lust-Objekt und Macht-Spielzeug degradierten Mann spüren, dass Karriere nur macht, wer sich ihren Spielregeln anpasst und das Liebes-Beziehungen nur funktionieren, wenn der Mann sich in seine Rolle als duldsamer, verständnisvoller Partner fügt und dass er sich lieber um Kind und Küche kümmern sollte als um berufliche Selbstverwirklichung.

Es ist eine ironisch verschrobene Boulevard-Klamotte und satirisch zugespitzte Gesellschafts-Komödie, die ihren aberwitzigen und ätzenden Theater-Honig allein aus der Umkehrung der Verhältnisse saugt: ohne sie wäre es eigentlich nur eine luftige Blödelei.

Die Szenen sind kurz und schnell geschnitten und fließen rasant ineinander, alles wird nur linkisch lächelnd angedeutet, alle Figuren scheinen aus einem Zeitgeist-Satire-Magazin entnommen, sind grobkörnig skizziert und holzschnittartig gezeichnet. Alle sprechen in zeitgeistigen Floskeln und hohlen Phrasen, die Dialoge sind von ätzender Hohlheit, der gesamte Theater-Text ist gerade einmal 70 ziemlich luftig bedruckte Seiten lang, es sind also nur Schnappschüsse, mit denen hier der Status quo unserer Gesellschaft vom Kopf auf die Füße und damit bitterböse entlarvt wird.

Die Personen leben, denken, fühlen, arbeiten in klischeehaft verzerrten Milieus und überzeichneten Strukturen, so das sich der Zuschauer sofort fragt: Was tun wir uns eigentlich an? Und egal ob Mann oder Frau die Macht hat: Wie kann man nur so leben? 

Flo in drei Varianten

Laut Textbuch gibt es verschiedene 28 Rollen und unzählige Handlungsorte, aber es gibt nur 5 Akteure (drei Frauen und zwei Männer) auf der Bühne, und immer steht ein Florian im Zentrum der szenischen Begierde und theatralischen Ausbeutung: Egal wie alt und wer Florian ist, er wird von den Frauen immer nur verniedlicht, verkleinert und Flo genannt.

Im ersten Handlungsstrang versucht Flo - nachdem er sein Psychologiestudium abgebrochen und sich von seiner Ehefrau hat aushalten lassen - beruflich wieder Fuß zu fassen, bewirbt sich in einem Maklerbüro und wird dort, ob im Büro oder bei den Wohnungsbesichtigungen, von den Chefinnen und Kundinnen kritisch beäugt und sexuell belästigt und zu Hause von seiner Ehefrau zum Sex genötigt.

Auf der zweiten Handlungsebene bewirbt sich Flo in einem Drogeriemarkt als Lehrling, muss die Regale einräumen, wird Kolleginnen gemobbt und im Hinterzimmer - natürlich - von seiner Chefin lüstern begrapscht, und als er es nicht mehr aushält und sich in einer anderen Drogerie bewirbt, wird er abgelehnt: Alle Chefinnen kennen sich und halten zusammen und wollen keine aufmüpfigen Männer.

Schließlich, im dritten Fall, kommt Flo als junger Schauspieler an ein großes berühmtes Theater (das, so viel Selbstironie muss sein, der Schaubühne ziemlich ähnlich sieht), wird von den den Dramaturginnen und Regisseurinnen bei der Probe gedemütigt und im Intendantinnen-Büro im zurechtgebogen, und weil Flo so schon devot ist und nichts dagegen hat, sich auf offener Bühne auszuziehen und seine Genitalien zu präsentieren, wird ihm zum Schluss die erste ganz große Rolle angeboten: Er darf (auch Lessing wird natürlich durch den Geschlechts-Kakao gezogen) Emil (!) Galotti spielen! 

Sprach- und Spielweisen fließen nahtlos und übergangslos ineinander. Die Spielfläche ist leer, im Hintergrund ein bunter Spaghetti-Vorhang, durch den man flugs hinein- und hinausschlüpfen kann und immer als ein anderer wiederkommen kann, ein andere Brille, ein neues Sakko, eine neue Perücke: schon ist man jemand anderes, Maklerin, Drogistin, Regisseurin, oder Flo in drei Varianten.

Jule Böwe, Marie Burchard, Jenny König, Lukas Turtur erscheinen in unzähligen Rollen, nur Moritz Gottwald ist immer Flo: manchmal auch zur gleichen Zeit mehrere Flos, denn während er noch als Maklergehilfe die Kundinnen bezirzt, zieht er sich um und wird übergangslos zu einem Schauspieler, der sich um Kopf und Kragen quasselt, der wilde Pop-Songs singt und sich nackt exhibitioniert, um schon im nächsten Moment ein Drogist im grünen Kittel zu sein, der von der Chefin massiert und genötigt wird.

Mauern, die längst in Schutt und Asche liegen.

Ein Mann inszeniert das Stück einer Frau, das von unterdrückten Männern und herrschsüchtigen Frauen handelt: Regisseur Mayenburg hat eine spürbare Beißhemmung und will nichts falsch machen in Zeiten von MeToo, er findet keine eigene Haltung zum Stoff, hat keinen Mut, die Figuren-Klischees und den Problem-Kitsch mal aufzubrechen, gegen den Strich zu Strich zu bürsten, aus den Pappfiguren des spiegelverkehrten Geschlechterkampfes mal richtige Menschen mit richtigen Verletzungen und richtigen Gefühlen zu machen.

Die Inszenierung will brüllkomisch sein, zielt ständig auf Lacher, aber über den Status Quo unserer Beziehungen und unserer Machtverhältnisse erzählt sie nichts neues, sondern liefert nur sterile Klischees: Stück und Inszenierung will Mauern einreißen, die längst in Schutt und Asche liegen. Aber wie könnte es weiter gehen, wie können Mann und Frau gleichberechtigt miteinander leben? 

Frank Dietschreit, kulturradio

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