Volksbühne Berlin: Moby Dick © Vincenzo Laera
Vincenzo Laera
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Volksbühne Berlin - "Moby Dick"

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Seit Moby Dick ihm einst ein Bein ausgerissen hat, ist Kapitän Ahab getrieben von dem Wunsch nach Rache. Anita Vulesica hat ihre Textfassung von Melvilles Roman "Moby Dick" mit Studentinnen der Hoch­schule für Schauspielkunst Ernst Busch inzeniert.

Warum Theatermacher derart überzeugt sind vom theatralen Gehalt "Moby Dicks", dass sie Herman Melvilles 900-Seiten-Brecher allerorts auf die Bühne wuchten, von Kiel bis Freiburg, ist auf den ersten Blick schwer einzusehen. Auf der empfehlenswerten Liste der "ungelesenen Bücher" des Künstlers und Bibliothekars Julius Deutschbauer rangiert der weiße Pottwal auf Platz Sieben – nicht ganz zu Unrecht.

Mitreißen, in die Tiefe ziehen kann die Geschichte über den Matrosen Ismael, der auf einem Walfänger unter Kapitän Ahab anheuert, um den sagenumwobenen Moby Dick zu jagen, der Ahab einst sein linkes Bein kostete, erst im grausamen Finale. Allein 300 Seiten braucht Melville, um überhaupt in See zu stechen. Ausschweifend wird über das Geschäft des Walfangs im 19. Jahrhundert geplaudert, über die Historie des Ausguckstuhls, die Zoologie der Wale – bis hin zu deren Darstellung in der Kunstgeschichte. Philosophische Abhandlungen, enzyklopädische Exkurse, soweit das Auge reicht. Leser hatten damals einen langen Atem.

Volksbühne Berlin: Moby Dick © Vincenzo Laera
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Post-koloniale Bühne

Ist nach der Hälfte des Romans der erste Wal gesichtet, kommt für Tierfreunde die Feuertaufe: Hunderte Seiten Gemetzel, Schlachterei, Blutbad, angerichtet von den Waljägern, gilt es zu überstehen. Für unsere post-kolonialen Bühnen steckt die Herausforderung eher in der Darstellung der nicht-weißen Besatzung: Schwarze treten bei Melville als edle Wilde auf, als naive Kinder, immer wieder für einen Lacher gut – oder als Kanibalen.

Und doch: Die sprachlich versierte Erzählung ist auch ein gewaltiges, archaisches Epos über das Aufbegehren des Menschen gegen die Natur und gegen die Götter, über Fanatismus und Kadavergehorsam, über den Sinn des Lebens und seine finsteren Abgründe. Letztlich erzählt Melville 900 Seiten lang über den Kampf mit der Theodizee. Der rachsüchtige Ahab, den seine Zerstörungswut zerfrisst, der die Faust gen Himmel reckt wie der geschlagene Hiob, ist eine Bühnenfigur von antiker Wucht, die wir verachten und zugleich bemitleiden müssen.

Postdramatische Performance

Anita Vulesica, zuvorderst Schauspielerin im Ensemble des Deutschen Theaters, inzwischen auch als Regisseurin, Autorin und Solo-Performerin unterwegs, interessiert sich für diesen Ahab allerdings wenig. Sie bürstet Melville schon insofern gegen den Strich, als sie die männliche Personage von einem Frauen-Ensemble geben lässt – Studentinnen der Schauspielschule "Ernst Busch", wo Vulesica selbst gelernt hat. Fünf Frauen für den männlich konnotierten Mythos des Abenteurers auf dem weiten Meer.

Ganz in weiß stehen sie auf der Bühne, wie der unheimliche weiße Geister-Wal. In Reifröcken und Brautschleiern, mit Hosenträgern und futuristischem Anzug. Allein körperlich legen sie sich mächtig ins Zeug, schreien, rudern, singen – eine Mannschaft, egal ob Mann oder Frau. Dieses Ausbrechen aus den Gender-Klischees scheint jedoch eher Nebenprodukt zu sein. Zentral ist der Verzicht auf Rollenzuschreibungen, auf psychologische Figuren. Die Spielerinnen formieren einen Chor, binden sich ein Holzbein um, sind alle Matrosen, Erzähler, Ahab zugleich. Eine klassisch postdramatische Performance, die sich weniger für Menschen interessiert als für die philosophischen Fragen, die der Roman aufwirft: Wofür steht der Wal? Wofür die sisyphosartige Jagd, die niemals endet?

Volksbühne Berlin: Moby Dick © Vincenzo Laera
Bild: Vincenzo Laera

Viel verschenkt

Gespielt wird im "3. Stock" der Volksbühne, der kleinen Spielstätte. Für einen Wal auf der Bühne ist kein Platz –  durchaus aber für zwei schräge weiße Stege, die in T-Form zusammenlaufen und das wankende Schiff symbolisieren. Dahinter wird ein Segel gehisst, das zuweilen (ziemlich überflüssig) als Videoleinwand für Szenen herhalten muss, die – in alter Castorf-Tradition – hinter der Bühne spielen.

Die Spielerinnen zeigen volle Power, es sprühen die Funken, auch wenn sie zum fünften Mal einen Wal sichten, zum fünften Mal in die unsichtbaren Ruder greifen und sich im Sprechgesang mit "Pull, Pull, Pull" anfeuern. Bis eine die Ausdauer verlässt: "Aber ich bin doch kein Pulpo!" Solche Sparwitze kann sich die Entertainerin Vulesica wohl nicht verkneifen. Gelungener sind die Wal-Gedichte, die mehrstimmig schön A Cappella gesungen werden – Eva Maria Nikolaus klingt sogar, als hätte sie eine klassische Gesangsausbildung durchlaufen.

Unterhaltsam ist das, energetisch – doch es wird allzu viel verschenkt. Vom archaischen Mythos, der düsteren Magie, den großen Figuren, also: dem großen Pfund des Romans teilt sich kaum etwas mit. Es ist die Crux so vieler Performances dieser Art: Wenn Figuren sich auflösen, Handlung verpufft, Motive nur angespielt werden, uniform gesprochen wird, bleibt wenig zurück, das sich wirklich einprägt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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