András Schiff © Yutaka Suzuki
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Konzerthaus Berlin - Cappella Andrea Barca unter András Schiff

Bewertung:

Mit seinem eigenen, nach ihm benannten Ensemble präsentierte sich András Schiff, derzeit Artist in Residence am Berliner Konzerthaus. Ein denkwürdiges Mozart-Programm auf höchstem Niveau. Und dann kam die Zugabe, die alles noch übertraf …

Mit seiner Cappella Andrea Barca hat András Schiff ein Kammerorchester zusammengestellt, das eigentlich mehr eine Kammermusikvereinigung ist. Hier spielt niemand nur nach Dirigent, sondern alle miteinander aus einander heraus. Das ist eine sehr familiäre Angelegenheit. Man merkt es, wenn András Schiff einzelne Mitglieder umarmt. Auch seine Frau, Geigerin, ist dabei. Und wie persönlich das alles ist, merkt man am Namen: Andrea Barca ist nichts weiter als András Schiff auf Italienisch.

In Mozarts Klavierkonzerten steht der Flügel gewohnt seitlich zum Publikum, aber etwas spitzer als sonst gewohnt – ins Orchester eingebaut, wie in ein großes Wohnzimmer gestellt. Und genauso bewegt sich András Schiff darin. Wenn er längere Pausen hat, steht er im Orchester, macht so etwas Ähnliches wie Dirigieren, eher eine Art Anfeuern. Die Musiker*innen sind mit ihm vertraut, sie könnten das auch ohne ihn, aber er strahlt eine Präsenz, ein Behütetsein aus. Als wollte er ihnen signalisieren: Papa ist bei euch.

Architektur und Emotion

András Schiff ist ein unglaublich wacher Interpret. Viel ist bei ihm vom Kopf gesteuert, jede Note durch ihn durchgegangen. Sofort beim ersten Klaviereinsatz ist er ein Erzähler, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln etwas Spannendes mitzuteilen hat. Mozart ist ja vor allem deswegen so schwer, weil alles so leicht klingt und man sich kaum verstecken kann. Da ist Schiff der richtige Interpret. Er spielt Mozart nicht einfach – wie man es leider allzu häufig hört – "schön", sondern als Wechselbad der Gefühle.

Mal sorgt er für Ordnung, bringt Struktur hinein, mitunter etwas überdeutlich. Aber er braucht diese Form von musikalischer Architektur für die Freiheiten, die er sich nimmt. Da wird es plötzlich dramatisch – Mozart, der in fast allem, was er komponiert hat, den Theaterkomponisten nicht verleugnen konnte. Das ist ein Spiel mit Emotionen. Mal liegt die Stirn in Falten, dann wird die Zunge herausgestreckt.

Pause ohne Husten

Die Behütetheit, die András Schiff seinem Orchester vermittelt, gibt es ihm zurück. Da sind ähnliche Emotionen vorhanden, man merkt eine Übereinstimmung. Das ist ein Musizieren mit Freunden, man kennt sich halt – und vor allem: Man vertraut einander. Schiff wird vom Orchester getragen. Und auf dieser Basis kann er sich fast alles erlauben.

Im G-Dur-Klavierkonzert nach der Pause wirkt es lange fröhlich und heiter. Im langsamen Satz werden dann allerdings die Abgründe deutlicher, es stürzt immer wieder ab. Dann aber folgt eine lange, fast unerträgliche Pause. Und András Schiff spielt danach so leise, gedeckt, entsetzlich traurig, dass man es kaum aushalten kann. Das hat sich auch auf das Publikum übertragen. Es war die einzige große Pause, in die nicht hineingehustet wurde.

Sonnige Sinfonie

In Mozarts später Es-Dur-Sinfonie stand András Schiff am Dirigentenpult. Nun ist er überhaupt kein Dirigent im konventionellen Sinne. Nach seinen Handbewegungen kann eigentlich kein Orchester spielen. Auch das funktioniert hier nur durch diese Vertrautheit. Man hat alles gemeinsam erarbeitet, und alle wissen, was er bzw. man gemeinsam will. Und so entsteht tatsächlich ein gemeinsames Atmen und Empfinden.

Das Mozart-Bild wirkt heute, wo man durch die zahlreichen Originalklangensembles mit einem eher herberen Klang vertraut geworden ist, fast zu erdrückend warm und romantisch. Das ist die Sonnenseite dieser Musik. Das Beeindruckende daran ist das Verstehen der Sinfonie nicht als Orchesterwerk, sondern als Ensemblestück aus anderthalb Dutzend Stimmen, voller kammermusikalischer Intimität.

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Bach schlägt Mozart

Ist András Schiff der ideale Mozart-Interpret? Diese Frage hat sich nach dem offiziellen Teil des Abends erledigt. Als Zugabe hat er das gespielt, was er sogar noch viel besser kann als Mozart: Bach.

Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, spielt Schiff jeden Morgen eine Stunde Bach am Klavier. So klang auch seine Zugabe: drei Sätze aus Bachs B-Dur-Partita. Wenn man mit dieser Musik so vertraut ist, kann man damit auch alles anstellen. So intelligent, witzig und frech kann man das nur aus einer so erdrückenden Kompetenz – und vor allem: Liebe heraus spielen. Und so schön dieser Mozart-Abend war: Die zehn Minuten Bach-Zugabe waren der eigentliche Höhepunkt.

Andreas Göbel, kulturradio

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