Szenenbild "Mörder und Mörderinnen"
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Schlosspark-Theater - Mörder und Mörderinnen

Bewertung:

Eine albwitzige Hetzjagd durch den Dschungel der Großstadt und die Hölle der bürgerlichen Moral. Alles vollkommen sinnfrei, dafür aber ungemein witzig und temporeich.

Seit Didi Hallervorden das einst ruhmreiche, dann aber jahrelang lustlos vor sich hin dümpelte und leer gespielte Schlosspark-Theater übernommen hat, geht es wieder steil bergauf. Mit intelligenten Komödien und aufgefrischten Theater-Klassikern hat er dem Traditions-Haus wieder einen Platz in der Berliner Bühnenlandschaft gesichert. Am Wochenende hatte jetzt - in der Regie von Thomas Schendel - ein neues Stück von Hartmann Schmige seine Uraufführung: "Mörder und Mörderinnen", nach einer Idee von Eugène Labiche.

Die Hölle der bürgerlichen Moral

Es ist eigentlich keine "Idee", sondern genau genommen (und das verschweigt das Programmheft leider dezent) gleich ein ganzes Stück: nämlich das 1857 in Paris uraufgeführte musikalische Lustspiel "Die Affäre Rue de Lourcine", das in den letzten Jahren auch wieder an einigen großen Theatern - in Dresden, in Wien und in Berlin am Deutschen Theater - in einer Übersetzung von Elfriede Jelinek gespielt wird.

Auf die Schippe genommen wird die moralische Bigotterie des spießigen Bürgertums, die Schwierigkeit, sich nach einem feuchtfröhlichen Abend an alle Verfehlungen zu erinnern und es für möglich zu halten, dass jeder unter Alkoholeinfluss zum Mörder oder zur Mörderin werden und welch grotesker Irrsinn entstehen kann, wenn man versucht, die Schuld zu leugnen und einen Skandal abzuwenden.

Ein Mann wacht morgens verkatert auf, neben ihm im Bett ein anderer Mann, wie sich herausstellt: ein alter Schulkamerad, mit dem er nach einem Treffen ehemaliger Schüler nachts noch durch Paris durch die Kneipen und Bars gezogen und total abgestürzt ist. Aus der Morgenzeitung erfahren die Männer von einem brutalen Mord an einer jungen Kohlenschlepperin: Weil die beiden nachts am Tatort waren und auch noch einige andere Indizien gegen sie sprechen, glauben sie, die Frau getötet zu haben und unternehmen jetzt alle möglichen verrückten Verrenkungen, die Tat von sich zu weisen und die Fassade des ordentlichen Bürgers aufrecht zu erhalten.

Mit Musikeinlagen garniert nimmt uns Labiche mit in die Hölle der bürgerlichen Moral, die nur um sich selbst kreist und sich für das Leben und das Leid aus anderen prekären sozialen Schicht nicht die Bohne interessiert. 

Albwitzige Hetzjagd durch den Dschungel der Großstadt

Bei Hartmann Schmige wird die Handlung ins Berlin von Heute verlegt und aus einem absurden Kammerspiel von 5 Personen ein turbulentes Treiben mit 10 Figuren, eine albwitzige Hetzjagd durch den Dschungel der Großstadt, eine Satire auf den modischen Zeitgeist mit all seinen Fallstricken des Kunst-Banausentums, der alternativen Multi-Kulti-Szene, der MeToo-Debatte und der Gender-Sprache, weshalb es nicht nur um Mörder, sondern auch - politisch korrekt - um MörderInnen gehen muss, am besten mit einem geschmalzten Knacklaut zwischen Mörder und Innen, um zu verdeutlichen, dass alle anderen Geschlechter mit angesprochen werden. Allein das schauspielerisch, sprachlich, mimisch, klanglich heraus zu kitzeln ergibt eine herrlich Slapsticknummer, bei der das Publikum sich amüsiert wie Bolle.

Im beschaulichen Wilmersdorf erwacht morgens ein distinguierter Versicherungsjurist (Mario Ramos) neben einem bunten Typen aus Kreuzberg (Oliver Nitsche), mit dem er nach einer Galerie-Vernissage um die Häuser und durch die Kneipen Berlins gezogen ist. Mit dem toten Drogen-Dealer, von dem in den Radio-Nachrichten die Rede ist, haben sie sich nachts in der Rosi-Bar gestritten und geprügelt, da liegt es doch nahe, ihn auch ermordet zu haben, oder? Angetrieben von der Gattin (Irene Christ) des Versicherungsjuristen, die für die Aufrechterhaltung des schönen bürgerlichen Scheins über Leichen geht, versuchen die vermeintlichen Mörder Spuren zu verwischen, hecheln noch einmal durch alle Galerien und Bars, die sie nachts besucht haben und befragen alle möglichen Leute.

Den Mordfall lösen soll ein müder Kriminalkommissar, der wegen seiner permanenten Rückenschmerzen und wegen der Einmischungen der Gleichstellungsbeauftragten, die jeden seiner Berichte als politisch unkorrekt zurückweist, eigentlich nur noch eines will: in Frühpensionierung gehen und einen schönen Lebensabend auf einem Bauernhof in der Uckermark verbringen.

Zum Schluss liegt alles in Scherben

Es ist die Karikatur einer Theater-Klamotte, die alles durch den Kakao zieht und ganz bewusst jedes Klischee bedient und voll auskostet: Keine Sekunde behauptet die Inszenierung, irgendetwas und irgendwen ernst zu nehmen: die verworrne Handlung, die schrägen Figuren, die schiefen Grimassen, die eingestreuten mundartlichen Dialoge, alles ist vollkommen sinnfrei, dafür aber ungemein witzig und temporeich.

Nach dem Motto: immer weiter, immer schneller, immer verrückter, gibt sich der Theater-Wahnsinn ein furioses Stelldichein, die vielen Handlungsorte (Wohnung, Kneipe, Galerie, Hinterhof, Polizeirevier) sind nur mit knappen Pinselstrichen auf Vorhänge gemalt, die schnell beiseite gezogen werden, und schon sehen wir den nächsten Vorhang und sind am nächsten Ort. Die Schauspieler sind außer Rand und Band und geben ihrem Affen Zucker, jeder Moralapostel bekommt sein Fett weg, jeder Weltverbesserer wird zum kleingeistigen Spießer: Zum Schluss liegt alles in Scherben, was bleibt ist das Theater als diabolische Anstalt wider den tierischen Ernst und Rettungsanker wider die politische Verlogenheit. 

Besetzung "Mörder und Mörderinnen"
Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Im Schicksal gefangen

Die Musikeinlagen werden nur eigestreut, weil sie Spaß machen, sie sind dramaturgisch vollkommen sinnlos, aber werden umso inbrünstiger dargeboten. Rosi (Anne Rathsfeld) ist z. B. nicht nur eine klischeehaft aufgeplusterte, karikierend aufgedonnerte und herrlich verruchte Bar-Dame, sie wildert auch - einfach, weil sie es kann - in Brechts "Dreigroschenoper" und singt mal eben nebenbei beim Gläserspülen ihre eigene Balladen-Version der "Seeräuber Jenny", und wenn Kommissar Knorr (Philipp Sonntag) melancholisch in seinem Büro sitzt und zuhört, wie durchs kaputte Dach die Regentropfen in die extra aufgestellten Zinkeimer tröpfeln, dann nimmt er den sanft dahinplätschernden Rhythmus auf, zückt seine Mundharmonika und intoniert eine lässige Blues-Melodie als wäre er Bruder von Blues-Papst John Mayall.

Die Zinkeimer dürften eine ironische Hommage an Bühnen-Berserker Frank Castorf sein, der es ja irgendwie schafft, diese Eimer in fast jede seiner Inszenierung unterzubringen. Aber das muss man als Zuschauer nicht wissen, so wie man auch nicht wissen muss, was es mit der angeblichen "Idee" von Eugène Labiche auf sich hat. Vielleicht ist es sogar besser, möglichst wenig zu wissen und von des Gedankens Blässe in keiner Weise angekränkelt zu sein, dann kann man das turbulente Treiben wahrscheinlich umso besser genießen.

Theater als diabolische Anstalt wider den tierischen Ernst und Rettungsanker wider die politische Verlogenheit.

Frank Dietschreit, kulturradio

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