Ingo Metzmacher © Harald Hoffmann
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Philharmonie Berlin - Casual Concert: DSO Berlin unter Ingo Metzmacher

Bewertung:

Mit seiner 13. Sinfonie erinnert Schostakowitsch an das Massaker von Babi Jar 1941. Dieses Werk erklang nun in der Berliner Philharmonie. Ingo Metzmacher dirigiert, Clemens Goldberg berichtet.

Bei den Casual Concerts des DSO sollen Barrieren zwischen Publikum und Bühne abgebaut werden. Dem dienen: Alltagskleidung der Musiker, freie Platzwahl bei Einheitstarif, ein umfangreiche Einführung in das Werk durch den Dirigenten. Ein weiteres Ziel: Verjüngung des Publikums. Dies gelingt fast überhaupt nicht, soweit man das im Überblick beurteilen kann. Nach dem Concert: Casual Concert Lounge (findet man heute eigentlich nur noch englische Begriffe, wenn man etwas Neues probiert?).

Ob da Schostakowitschs 13. Sinfonie "Babi Jar" ein angemessenes Werk ist? Es handelt vom größten Massaker an der jüdischen Bevölkerung im 2. Weltkrieg, in einer Schlucht bei Kiew. Ausgeführt von Sonderkommandos der Deutschen und ukrainischen Hilfstruppen. Der Dichter Jewgeni Jewtuschenko nutzte das fast völlige Verdrängen dieses Massakers 1961 zu einem großen Gedicht, das auch die sowjetische Gesellschaft anklagt und, wie aktuell, zum "wahren Russland" dasjenige erklärt, das sich gegen den Antisemitismus und für das freie Denken und Reden ausspricht.

Unbeholfen, charmant

Ingo Metzmacher nimmt sich 40 anspruchsvolle Minuten, um das Werk mit dem Orchester und den Herren des Rundfunkchors anschaulich zu erklären. Er hat dabei nicht wirklich ein dramaturgisches Konzept, ist auch manchmal etwas unbeholfen, aber charmant. Gerade die Suche nach sprachlichem Ausdruck kann auch berühren. Dass er sich aber erst vor dem Casual Concert "im Internet" über die Details von "Babi Jar" informiert hat, ist doch zumindest fragwürdig.

Außergewöhnlich

Massaker und Diktatur mit Dirigent im Schlabber-T-Shirt und Musikern in meist unvorteilhafter Alltagskleidung? All das vergaß man bei einer überaus packenden, ergreifenden Interpretation der Musik. An erster Stelle ein grandioser Mikhail Petrenko, der Jewtuschenkos ungeheuer mutigen und eindringlichen Text wirkmächtig und wahrhaftig durchlebte. Die Herren des Rundfunkchors konnten ihre enormen Fähigkeiten einmal ganz allein zur Wirkung bringen, sehr eindringlich. Vielleicht mögen die detaillierten Erläuterungen auch beim Orchester noch zu einer besonders gelungenen und außergewöhnlichen Leistung geführt haben.

Wenn das Stück schließlich immer weiter am Schluss erlischt, geht es ins Foyer zum Abhotten. Das ist nun wirklich sehr fragwürdig, auch wenn Pat Appleton eine tolle Sängerin ist. Groove nach "Babi Jar"? Das führt im besten Fall zum Nachdenken über die Banalität des Bösen, im schlechten zum Auslöschen dessen, was man gerade gehört hat. Hier müssen die Veranstalter noch mal gründlich in sich gehen.

Clemens Goldberg, kulturradio

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