Julia Fischer © Decca / Felix Broede
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Philharmonie Berlin Kammermusiksaal - Kammerakademie Potsdam mit Julia Fischer

Bewertung:

Julia Fischer präsentiert zwei ihrer Studenten*innen, aber erst mit ihr selbst gewinnt das Konzert an Kontur – bis zu einer ergreifenden Darstellung der Kammerakademie Potsdam des 8. Streichquartetts von Dmitrij Schostakowitsch.

Die Idee war gut: ein Konzert für 3 Solisten, eines für 2 und ein Solostück – und anschließend ein Werk für Streichorchester. Alles das funktioniert allerdings nur, wenn man gut miteinander harmonisiert – und eine Idee hat, welche Eigenheit die Stücke besitzen.

Johann Sebastian Bachs Konzert BWV 1064 ist in einer Fassung des Komponisten für drei Cembali überliefert. Man weiß, dass das eine eigene Bearbeitung ist, und so liegt eine Rekonstruktion für drei Violinen nahe. Die Kammerakademie Potsdam ist kein Originalklangensemble, aber unter ihrem Chefdirigenten Antonello Manacorda wissen alle, wie Alte Musik geht. Nur schienen alle ohne ihn alles darüber vergessen zu haben. Das war plötzlich verwaschen und in einem Breitwandsound, wie man vielleicht vor einem halben Jahrhundert Barockmusik gespielt hat.

Wohlfühl-Klangwolke

Es ist verdienstvoll, wenn eine erfolgreiche Geigerin und Professorin ihren Student*innen ein Podium bereitet. Nur muss man das dann auch nutzen. Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie concertante für Geige und Bratsche ist schon eine dankbare Vorlage, ein köstliches Stück für zwei Persönlichkeiten, die schlankere Geige und die brummigere Bratsche, die einander ins Wort fallen und sich doch so perfekt ergänzen.

Nur hatte die hier gezeigte Wohlfühl-Klangwolke nichts mit der eigentlichen Intention des Werkes zu tun. Die Geige klang zu dick, die Bratsche etwas konturenhafter, aber alles zu nett, unverbindlich und freundlich. Die Noten waren von Mozart, das Ergebnis nicht.

Julia Fischer selbst

Nach der Pause hat sich Julia Fischer dann zunächst ganz als Solistin präsentiert. Franz Schuberts A-Dur-Rondo ist ein freundliches, eigentlich auch undankbares Stück. Vermutlich hat es Schubert für seinen Geige spielenden Bruder geschrieben. Auf jeden Fall ist es nicht sein stärkstes Werk: nett, beschwingt, aber harmlos – eine Viertelstunde lang Melodien und Floskeln.

Hier präsentierte sich Julia Fischer jedoch als erfahrene Solistin. Auch daraus kann man etwas machen. Sie nimmt das als Schaustück, energisch und zupackend, aus jedem Ton Funken sprühend. Und es bleibt nicht dabei. Die Kammerakademie Potsdam spielt auf einmal präziser, als wenn mit der Dompteurin in der Mitte plötzlich alle Raubtiere wissen wohin. Auf einmal hört man hin.

Persönliche Musik

Das achte Streichquartett von Dmitrij Schostakowitsch ist eines seiner persönlichsten Werke. Komponiert in Dresden und den Opfern von Krieg und Faschismus gewidmet, hört man hier vor allem die Stimme des Komponisten, der mit Zitaten einiger seiner Werke seine eigenen Erfahrungen schildert.

Das ist ein Stück von direkter Trauer, voller Wut, Wucht und Einsamkeit. Die von Rudolf Barschai entwickelte Streichorchesterfassung ist von Schostakowitsch autorisiert, allerdings auch problematisch. Wo eigentlich vier einsame Musiker für sich stehen, wird es durch eine größere Gruppe nicht leichter.

Kammerakademie Potsdam
Bild: Stefan Gloede

Ein Schimmer Hoffnung

Das Streichorchester kann leicht zu weich, zu verharmlosend wirken. Allerdings auch massiver als es vier einzelne Streicher darstellen könnten. Und so hat es die Kammerakademie Potsdam unter Julia Fischer auch verstanden: Das hat Furor, Entschlossenheit und Haltung.

Da hört man die Sprachlosigkeit über die abscheulichen Verbrechen des 20. Jahrhunderts, aber auch die einzelne Stimme: Schostakowitsch selbst, der unter dem Stalinismus zu leiden hatte. Das Streichorchester lässt immer auch Raum für die Solostimmen, die ganz fahl und ungeschützt daherkommen. Dachte man mitunter, dass Musik auch mal zu schön klingen kann, blieb am Ende eine Einsamkeit, die nur durch die Musik Trost findet. Keine Verharmlosung, sondern ein Schimmer Hoffnung. Ergreifender kann man das nicht spielen.

Andreas Göbel, kulturradio

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