BERLINER ENSEMBLE/"Der letzte Gast": v.l. Inka Friedrich, Sascha Nathan
JR Berliner Ensemble
Bild: JR Berliner Ensemble Download (mp3, 5 MB)

Berliner Ensemble - "Der letzte Gast"

Bewertung:

Wo beginnt das Fremde? Wie fremd darf man sein, wie stark muss man sich anpassen, um in einer Gesellschaft leben zu können?

Diese Fragen kann und will der preisgekrönte Theatermacher Árpád Schilling nicht mehr in seiner Heimat Ungarn stellen – von der Orban-Regierung ist er dort vor anderthalb Jahren zum "Staatsfeind" ernannt worden, weil er sich zu sehr für eine offene Gesellschaft ausgesprochen hat. Schilling inszeniert schon seit Jahren in ganz Europa – und nun zum ersten Mal in Berlin. Fürs Berliner Ensemble hat er ein Stück geschrieben und uraufgeführt.

Mit dem titelgebenden "letzten Gast" ist wohl der Fremde im Text gemeint, von dem niemand weiß, woher er kommt, noch, wie er heißt – alle nennen ihn schlicht "Blau". Blau wird von der betagten Opernsängerin Klara zu sich nach Hause eingeladen, er soll das Nebenhaus auf ihrem Grundstück renovieren. Klara hat das Singen inzwischen aufgegeben und dämmert mit ihrem dementen Ehemann Helmut, einem emeritierten Professor, auf ihrem Landsitz vor sich hin.

Dort treffen nun die gegensätzlichsten Menschen aus Ost und West aufeinander: Blaus Freund Arnold, ein prolliger Elektriker, der seine Kinder schlägt, mitsamt dessen neuer Freundin Sabine; Klaras männerhörige Freundin Jutta, die den großen Professor in Helmut verehrt und jahrzehntelang ein Verhältnis mit ihm hatte. Und zuletzt Klaras taffe, skeptische Karriere-Tochter Berta.  

Schauspieler-Improvisationen

Der Fremde, der von seiner neuen Umgebung als Projektionsfläche benutzt wird für deren Wünsche und Ängste – so lässt sich die Ausgangssituation beschreiben, von der Árpád Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij starteten. Nur scheint ihnen dieser rote Faden im Laufe des Schreibprozesses verlorengegangen zu sein. Ihre Stücke entstehen mithilfe von Schauspieler-Improvisationen – jedem Spieler wird quasi eine Rolle auf den Leib geschrieben. Man merkt der Inszenierung geradezu an, wie sie den Protagonisten gerecht werden will, wie jede Rolle gleichberechtigt neben der anderen stehen soll – und wie dadurch das Thema ins Abseits gerät.

BERLINER ENSEMBLE/"Der letzte Gast": v.l. Wolfgang Michael, Judith Engel
v.l. Wolfgang Michael, Judith EngelBild: JR Berliner Ensemble

Schrille Boulevardkomödie

Der Abend entwickelt denn auch keine ernstzunehmende Geschichte, die sich mit der politischen Gegenwart auseinandersetzt, sondern eine überzeichnete Groteske, eine schrille Boulevardkomödie, in der es von verunglückten Sex-Szenen, von hysterischen Heulkrämpfen, divenhaften Attitüden und Gewaltausbrüchen wimmelt.

Natürlich könnte eine böse Groteske auf der Bühne höchst gesellschaftspolitisch wirken – doch dafür bräuchte es eine glasklare Analyse der Verhältnisse im Hinterkopf. In seiner neuen Arbeit allerdings scheint sich Schilling so sehr mit der Unterhaltsamkeit seiner Figuren beschäftigt zu haben, dass ihm das große Ganze aus dem Blick gerät. 

Realistisch gezeichnet ist das Komödienpersonal nicht, man meint in der Figurenanordnung zunächst eine Art Parabel zu erkennen: Die alte Generation als Symbol der untergehenden kultivierten Welt – und eine neue Generation, die so lange am alten Haus herumpfuscht, bis alles einstürzt, womöglich auch die Zukunft. Beim greisen Helmut ist die sprudelnde Potenz bereits versiegt – in der jungen Generation trifft man auf nichts als Impotenz, schlechte Liebhaber, gewalttätige Väter und Frauen, die sich in ihrer Sexualität nicht zurechtfinden. Doch auch diese symbolische Interpretation der Dinge führt ins Leere.

Klaras und Helmuts Villa steht in Form eines beigen, eleganten Sofa auf dem Bühnen-Parkett, am Klavier dahinter wird Klassik gespielt – einen Bühnendreh weiter schauen wir auf Blaus vollgemüllte Baustelle mit Bierdosen und Netto-Tüten, dazu wummern die Techno-Beats und die Windmaschine bläst. Umso länger man den stereotypen Figuren zusieht, desto zerfaserter und flacher wirkt der Abend. Mitunter driftet er in eine Art skurriles Traumspiel ab: So wird die Impotenz des Elektrikers in einer schrägen Séance kuriert – und dem Fremden ein goldener Ring aus dem Hinterteil gezogen und an Klaras Finger gesteckt.

Klischee

Auf der Bühne stehen unter anderem Judith Engel, Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff, Wolfgang Michael – an für sich wunderbare Spieler. Wenn sich die verschwitzten Bauarbeiter auf Klaras Sofa quetschen, um aus winzigen Porzellan-Tassen verkrampft-zivilisiert Tee zu trinken, ist das auch durchaus amüsant. Oder wenn Corinna Kirchhoff und Judith Engel einen zuckersüßen Diven-Wettstreit im künstlichen Lächeln absolvieren.

Doch bis auf Bettina Hoppe als mitunter nachdenklich-verzweifelte Tochter Berta verraten sie ihre Figuren allesamt ans Klischee: der derbe Bauarbeiter, der hilfsbereite Fremde, der notgeile Opa, die alternde Opern-Diva. Das ist weder erkenntnisfördernd, noch dauerhaft unterhaltsam. Mag sein, dass auch die beiden krankheitsbedingten Umbesetzungen einiges erschwert haben: Sascha Nathan sprang als Elektriker ein, Nico Holonics als Blau. Die Schräglage des Abends ist jedoch zuvorderst dem zwischen allen Themen und Genres mäandernden Text zuzuschreiben.

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen

"Jeder stirbt für sich allein": Jon-Kaare Koppe, Katja Zinsmeister
Thomas M. Jauk

Hans Otto Theater Potsdam - "Jeder stirbt für sich allein"

Der Roman war lange vergessen, doch seit er im Jahr 2009 ins Englische übersetzt wurde, erlebt er eine Renaissance. Der Aufbau-Verlag brachte eine neue ungekürzte Fassung heraus, eine Verfilmung mit Emma Thompson lief 2016 auf der Berlinale und auch im Theater ist "Jeder stirbt für sich allein" wieder öfter zu sehen – nun auch am Hans-Otto-Theater in Potsdam.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Jugend ohne Gott im Maxim Gorki Theater.
Ute Langkafel / Maxim Gorki Theater

Maxim Gorki Theater - "Jugend ohne Gott"

Überfordert von Plastikmüll und Klimawandel: Tina Müller hat auf der Grundlage des Horváth-Romans "Jugend ohne Gott" recherchiert, nach welchen Maßstäben junge Menschen heute leben – ein plausibles, aber schmales Generationenporträt, das Nurkan Erpulat mit energiegeladenen Spielern inszeniert.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: