Zeiten des Aufruhrs: nach dem Roman von Richard Yates
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Zeiten des Aufruhrs"

Bewertung:

"Zeiten des Aufruhrs" heißt das Stück, das jetzt im Deutschen Theater Premiere hatte. Es ist die Bühnenfassung eines Romans des 1992 verstorbenen US-amerikanischen Autors Richard Yates.

Der 1961 veröffentlichte Roman sowie die Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, die vor zehn Jahren in die Kinos kam, trägt den Titel "Revolutionary Road". In der von Jette Steckel inszenierten Theaterversion spielen Maren Eggert und Alexander Khuon ein junges Paar, dessen Ehe vom "Virus des Scheiterns" infiziert ist.

Menschliche Abgründe

Der Roman spielt im Jahr 1955: Auch wenn auf der Bühne der Wind zeitloser Gegenwart weht und die Inszenierung einem Theater-Versuchslabor zur Erforschung menschlicher Abgründe gleicht, hat Jette Steckel die Handlung nicht aktualisiert. Keine Handys, kein Zeitgeist-Geplapper. Die Kleidung, die live-gespielte lässige Jazz-Musik, die direkt aus dem Roman geschöpfte Sprache, alles verweist auf die Fünfzigerjahre. Das ist auch gut so. Denn die Figuren wären ohne diesen politisch-sozialen Background nicht zu verstehen.

April und Frank Wheeler sind Kinder der großen Depression in Amerika, später haben sie erlebt, wie der Krieg in Europa wütet und erst das gesamte Weltbild zertrümmert und dann die Nachkriegs-Euphorie die Hoffnungen auf ein freieres, besseres Leben beflügelt. Beide haben nach dem Krieg große Pläne und tolle Ideen, April will Schauspielerin werden, Frank stilisiert sich zum intellektuellen Freigeist.

Doch dann bekommen sie zwei Kinder, April wird Hausfrau und Frank zum Büro-Angestellten, sie kaufen sich ein kleines Haus in der "Revolutionary Road", auf dem "Revolutionary Hill", in einer Vorstadt-Siedlung von New York, von der aus Frank jeden Tag in die Stadt und ins Büro pendelt, während April sich zu Hause langweilt. Ihre private Revolution haben sie längst beerdigt.

Aprils Auftritt bei einer Theater-Laien-Truppe ist ein Desaster. Die Idee, die spießige Vorstadt-Hölle aufzugeben und nach Paris zu ziehen, ist nur ein Luftschloss und zerschellt an der sozialen Realität der 1950er Jahre, zu der auch gehört, dass Schwangerschaftsabbrüche tabuisiert sind: Als April erneut schwanger wird, steuert also alles auf eine große finale Katastrophe zu.

DT Berlin: "Zeiten des Aufruhrs" mit Maren Eggert und Alexander Khuon; © Arno Declair/DT
Bild: Arno Declair/DT

Kühl und distanziert

Jette Steckel dreht den Roman nicht durch den Fleischwolf, mischt ihn nicht – wie Frank Castorf es tun würde – mit fremden Texten auf. Sie schnipselt sich ihre eigene Fassung, verkürzt, klaubt hier und dort einige Passagen heraus, tilgt Nebenfiguren- und Neben-Handlungen. Das Leben in der Vorstadt, Frank im Büro und bei seiner Geliebten, Aprils Seitensprung mit dem Nachbar, die Besuche von Maklerin Helen Givings und ihrem – angeblich – psychisch kranken Sohn John, der Wunsch, alles hinter sich zu lassen und nach Paris zu gehen: alle Stationen des Romans werden abgehakt, und für alle Orte und Räume findet die sich permanent drehende Bühne eine Lösung.

Meistens verwirren sich die Figuren in einem Wald aus riesigen Buchstaben, die mal gelb, mal blau, mal rot leuchten und immer wieder neue neue Räume und Orte erschließen. technisch perfekt, aber genauso so kühl und distanziert wie der melancholisch-coole Jazz, der das zerstörerische Treiben begleitet. 

Hart arbeitende Theater-Berserker

Maren Eggert und Alexander Khuon sind keine Doubles von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio sein. Sie machen ihr eigenes Ding, schwitzen und tanzen, streiten, lieben hassen, sind keine glamourösen und smarten, sondern hart arbeitende Theater-Berserker im Schauspiel-Weinberg des Herren.

Doch auf der weiten leeren Bühne sind sie oft auf verlorenem Posten, wirken einsam und klein. Das trifft auch auf alle anderen Darsteller zu, die alles geben und vergeblich versuchen, der Text-Collage Leben einzuhauchen. Die Inszenierung wirkt blutleer und arrangiert, wirkt fehl am Platz: wie ein klaustrophobes Kammerspiel in einem Fußball-Stadion.

Zeiten des Aufruhrs: Maike Knirsch, Alexander Khuon, Maren Eggert
Bild: Arno Declair

Langweilige Inszenierung

Richard Yates deutet im Roman nur an, dass die verzweifelte April in ihrem Badezimmer allein und von der Welt verlassen einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt. Auch Jette Steckel ist so gnädig und zeigt die Katastrophe nicht in allen Details. Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück verabschiedet sich Frank ins Büro. Während April das Geschirr abräumt, beginnt sie bereits zu bluten: Die Abtreibung findet schon im Kopf statt, bevor sie tatsächlich ausgeführt wird.

Die Schlussworte gehören dann John (Ole Lagerpusch), der – anders als im Roman – in die Gedanken von Frank hineinschlüpft und dessen Empfindungen ausspricht. Ein schön-verwirrender Kunstgriff von Jette Steckel: Fantasie und Realität werden eins, das Verrückte wird zur Normalität. Während sich der Vorhang senkt, singt John (auch das eine Erfindung von Jette Steckel) einen Song über die Revolutionary Road und die vergebliche Suche nach Wahrheit. Doch das kann der verkopften und ziemlich langweiligen Inszenierung auch nicht mehr auf die Beine helfen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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