Logo des Festivals "Maerzmusik"
Bild: © Berliner Festspiele / MaerzMusik

Haus der Berliner Festspiele - Eröffnung des Festivals Maerzmusik

Bewertung:

Maerzmusik, das Festival für zeitgenössische Musik, will sich verstärkt Zeitfragen widmen. Es eröffnete mit zwei Stücken, die beide in den 70er Jahren entstanden und sehr weit entfernt wirken. Zumindest nach der Pause hätte es gern etwas wirklich Zeitgenössisches, in die Zukunft Weisendes sein dürfen. 

Maerzmusik, das alljährliche Festival für zeitgenössische Musik, will sich bekanntlich unter der Leitung von Berno Odo Polzer verstärkt Zeitfragen widmen. Auf einer sehr allgemeinen Ebene hat das natürlich viel mit Musik zu tun, die sich ja ausschließlich in zeitlichen Dimension ereignen kann.

Zum zentralen Begriff des diesjährigen Festivals ruft Polzer "Geschichte" aus – und verteidigt das auch gleich: Ist es nicht Luxus, angesichts einer derart chaotischen, auch bedrohlichen Gegenwart, angesichts von Klimakrise, Rechtspopulismus und Terrorismus nach hinten zu blicken? Antwort: nicht, wenn man Geschichte als etwas Lebendiges, nie Abgeschlossenes begreift, wenn man herausfinden möchte, wie sie unsere Praxis im Heute mitbestimmt und prägt.

Eine ganz eigene Aura

Also lädt Polzer zur Festivaleröffnung ins Haus der Berliner Festspiele ein wahrhaft historisches Werk: Die 36 Variationen, die der Amerikaner Frederic Rzewski 1975 auf das Kampflied "El pueblo unido jamás será vencido" ("Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden") komponiert hat. Das wiederum hatte Sergio Ortega wenige Jahre zuvor geschrieben, kurz vor Pinochets Staatsstreich in Chile. Ein monumentales, fast 100 Minuten dauerndes Stück Klavierliteratur, und: Der 81-jährige Rzewski selbst spielt es am Eröffnungsabend.

Das erlebt man selten, es berührt und entfaltet eine ganz eigene Aura. Rzewski nimmt sich viel Zeit, auch deshalb, weil er den riesigen Notenstapel selbst umblättern muss, und verzichtet auf den großen, alles überwölbenden Spannungsbogen. Unmittelbar, direkt, "engagiert" ist sein Anschlag, und das bleibt als Eindruck vor allem hängen: Wie ernst der Komponist sein Werk nach über 40 Jahren immer noch nimmt.

Acht präparierte Klaviere, vier davon liegend

Ganz folgen kann man ihm darin nicht: "The People United Will Never Be Defeated" (so der englische Titel) ist jenseits seiner musikalischen Qualitäten vor allem auch Ausdruck einer idealistischen, fast naiven Vorstellung von "Volk" als Gemeinschaft, die gegen ihre Unterdrücker aufsteht.

Während der Staatskrise in Chile mag das in einem historischen Augenblick Realität gewesen sein. Mit unserer Gegenwart 2019 hat es nur noch sehr wenig zu tun. Dem "Volk" möchte man heute nicht mehr so blind vertrauen wie 1975, das "Volk" denkt heute in vielen Teilen rechts, lässt sich von Trommlern verführen, wählt Donald Trump, stimmt für den Brexit, macht die Klimawandelleugnerpartei AfD in manchen Bundesländern zur stärksten Kraft. Wer kann da noch unbefangen singen, das "Volk" möge zusammenstehen? Bloß nicht!

Nach der Pause dann sehr andersartig gelagerte Musik: "Clepsydra" des 2008 in Paris gestorbenen Rumänen Horatiu Radulescu. Sphärische Spektralklänge, entstanden aus Obertönen. Acht präparierte Klaviere, vier davon auf der Seite liegend. 16 Musikerinnen und Musiker, die in Paaren jeweils zu zweit die Saiten der Klaviere mit Fingern und Fäden bearbeiten, als seien es Streichinstrumente. Tiermetaphern wie Walgesang oder Froschquacken sind immer unvollkommen, aber sie helfen, das Klangsergebnis zu veranschaulichen.

Da entsteht etwas Materielles, Lebendiges, morphend, sich ständig verändernd und dabei doch seltsam gleichbleibend. Es ging Radulescu darum, die traditionellen Parameter von Musik wie Harmonik und Melodik zu überwinden und zu etwas ganz Neuem vorzustoßen, unter Verzicht von Elektronik, rein mit Naturklängen.

Relativ wenig Zuschauer verlassen den Saal vorzeitig, da hat man bei Märzmusik schon ganz andere Szenen erlebt. Es scheint zu gefallen.

Ein gemischtes Fazit

Dennoch: ein gemischtes Fazit. Das Festival eröffnet mit zwei Stücken, die beide in den 70er Jahren entstanden und sehr weit entfernt wirken. Zumindest nach der Pause hätte es gern etwas wirklich Zeitgenössisches, in die Zukunft Weisendes sein dürfen. Wir warten gespannt auf die Uraufführung der Oper "Time Time Time" von Jennifer Walshe am morgigen Sonntag.

Udo Badelt, kulturradio

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