Kompanie Cirk La Putyka: "Memories of Fools" im Chamäleon Theater; © Jakub Jelen
Jakub Jelen
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Chamäleon Theater - Kompanie Cirk La Putyka: "Memories of Fools"

Bewertung:

In diesem Jahr feiert das Chamäleon-Theater, das sich ausschließlich dem noch jungen Genre des Neuen Zirkus widmet, seinen 15. Geburtstag. Passend zum Jubiläum präsentiert nun die preisgekrönte Kompagnie Cirk La Putyka aus Prag sein neues Zirkustheater "Memories of Fools".

Es geht um den Traum vom Fliegen, um unsere Erinnerungen und um ein Ereignis, das sich tief in unser aller kollektives Gedächtnis eingeprägt hat: die erste Mondlandung vor 50 Jahren. In "Memories of Fools" wird zunächst die Geschichte des kleinen Jonny erzählt, der davon träumt Astronaut zu werden. Er wird darin unterstützt von einer etwas skurrilen Familie – Zauberkünstler, Artisten –, die aber ganz fest an Jonny glauben. Vor allem der Opa: Er trainiert den etwas schwächlichen Jungen, mit alterskrummem Rücken und sehr clowneskem Charme.

Jonny ist also so eine Art Antiheld, der es dennoch in den Astronautenlehrgang schafft. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durch und wird tatsächlich ausgewählt zum Mond zu fliegen. "Memories of Fools" ist zunächst eine Art Entwicklungsgeschichte, allerdings mit etlichen Nebensträngen. Das Stück hebt aber immer mehr ab, wie ein Space shuttle löst es sich vom festen Erzählstrang und wird immer mehr zu einem wahren Reigen der verrückten Träume, Gestalten und Erinnerungen.

Kompanie Cirk La Putyka: "Memories of Fools" im Chamäleon Theater; © Jakub Jelen
Bild: Jakub Jelen

Sehr temporeich und abwechslungsreich wechseln die Szenen: Jonny träumt beispielsweise vom Weltall und schon katapultieren sich maskierte Außerirdische mit dem Schleuderbrett über die Bühne. Da ist ein Junge, den Jonny bewundert und der lässt mit seinen Jonglierreifen unglaubliche Fluggebilde entstehen. Jonny betet eine Frau beim Lehrgang für Astronauten an: Sie tanzt grazil am Luftring und zieht ihn in seinem unförmigen Mondanzug mit in die Höhe.

Am Ende wird es ganz und gar abgedreht. Unser aller Träume und Erinnerungen erobern in Persona die Bühne: Elvis tanzt auf einem Mondball, ein Torero versucht ihm die Show zu stehlen, eine Art durchgeknallte Mozart-Figur jongliert mit Vinylplatten.

Bunt, schrill, vielfältig

Es ist ein buntes Zusammenspiel unterschiedlichster Disziplinen: sehr maskulin-kraftvolle Akrobatik neben tänzerisch-fragilen Luftnummern. Sogar Puppenspiel ist eingebaut, denn der Regisseur Rostislav Novak kommt aus einer alten tschechischen Puppenspielerfamilie. Auch Schwarzes Theater kommt vor, das in Tschechien eine lange Tradition hat. Insgesamt gibt es viel Slapstick und Clownerie zu sehen. Die sehr schrille, vielfältige Darbietung resultiert daraus, dass beim Cirk La Putyka Artisten, Tänzer und Schauspieler aufeinandertreffen. Bei diesem Stück sind es insgesamt immerhin bis zu neun Personen auf der nicht allzu großen Chamäleon-Bühne.

Dabei passiert viel in geballter Form - richtige Assoziationsstürme. Und so bleibt kaum Zeit, genauer hinzuschauen, sich in die Geschichte hineinzufühlen. Es fällt ein wenig schwer, den schnellen Wechseln, auch der artistischen Mittel, zu folgen. Der Kopf versucht zu verstehen, was vielleicht gar nicht alles verstanden werden muss.

Das Stück kommt wie eine kreative Explosion daher. Aber bei einer Explosion ist auch immer ein gewisser Druck dabei, und den spürt man hier eben auch. Ein bisschen zu schrill, ein bisschen zu laut, auch die Musik. Obwohl der Sound des Stückes – eigens komponiert – sehr vielseitig ist: von Technobeats, poetisch-verspielter Gitarrenmusik bis hin zum Punkrock ist alles dabei.

In den Kostümen steckt viel Detailarbeit, genauso wie im Bühnenbild: Die Bühnenwand besteht aus über 100 alten Holzfensterrahmen, die mal Bett sind, mal das Fenster des Raumschiffs. Insgesamt steckt hierin sehr viel liebevolle Kleinstarbeit, die noch besser zur Geltung käme, wenn die explosiven Kreativkräfte ein bisschen schwächer dosiert wären.

Frauke Thiele, kulturradio