ensemble unitedberlin © Mathias Bothor 2015
© Mathias Bothor 2015
Bild: © Mathias Bothor 2015

Konzerthaus Berlin - "Brexit means ... Brexit?" mit dem ensemble unitedberlin

Bewertung:

Mitten im Brexit-Chaos spielt das ensemble unitedberlin ein Programm mit Vertretern der britischen Neue Musik-Szene: sehr gut einstudiert, aber auch sehr traditionell und irgendwie nicht gerade neu.

Wirkte der Titel des Abends mit seinem Theresa-May-Zitat "Brexit means … Brexit?" zunächst wie eine geschickte PR-Aktion, bekam das Thema dann doch einen sehr ernsten Beigeschmack. Während das Publikum zunächst leicht genervt reagierte, als nach der Pause eine Gesprächsrunde zum Dauer-Thema dieser Tage begann, ging es dann doch mehr um die Situation der Künstlerinnen und Künstler.

Hier kamen zwei Komponisten und eine Dirigentin zusammen und sprachen über ihre Befürchtungen nach einem Brexit: logistische Probleme beim Reisen, Visa, Arbeitserlaubnisse. Auch der Nachteil, wenn schnell mal jemand einspringen muss. Kontakte, Beziehungen würden amputiert, so die Sorge. Was politisch so abstrakt wirkt, wird hier schnell konkret angesichts der heiklen Situation und der Angst vor gefährdeten Existenzen.

Die britische Neue Musik-Szene

Musik britischer Komponisten ist in Berlin zuletzt regelmäßig zu hören gewesen. Da hat schon Simon Rattle während seiner Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker einiges mitgebracht, angefangen bei seinem Antrittskonzert mit Thomas Adès. Jetzt scheint Robin Ticciati als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters ein bisschen sein Erbe anzutreten.

Die Neue Musik aus Großbritannien hat nie wirklich zur Avantgarde gehört. Unüberhörbar ist der Bezug zur Tradition. Die Musikgeschichte ist denkbar präsent: strukturell wie melodisch. Auch wird die Tradition nie infrage gestellt. Sicher, das ist weitgehend atonal, hat aber immer noch diesen sinfonischen Gesamtklang. Das macht die britische Musik erfolgreich. Diese Werke sind auch für ein Publikum konsumierbar, das Neue Musik sonst ablehnt. Das kann man problemlos in ein Abonnementskonzert aufnehmen, ohne Angst davor haben zu müssen, dass das Publikum deswegen wegbleibt.

Altmeister

Wie traditionsverhaftet das klingen kann, zeigte das Ensemblestück "Hidden Variables" des Altmeisters Colin Matthews, Anfang 70. Da sind die Stile munter durcheinandergemischt und alles klingt irgendwie bekannt: amerikanischer Minimalismus, dann wieder ein Pathos wie bei Richard Wagner und filmmusiktauglich ist es bisweilen auch.

Das ist handwerklich souverän und gekonnt komponiert und durchaus unterhaltsam – wie es roboterartig losknattert mit Eruptionen, dass der Saal bebt. Und trotzdem meint man, alles schon mal gehört zu haben.

Die Jungen

Noch mehr staunte man, wie konservativ sich gerade die junge britische Komponistengeneration gibt. Helen Grime, Ende 30, gibt in ihrem Stück "A Cold Spring" allen Spielern einiges zu tun. Das ist effektvoll und virtuos – jeder darf mal mit Tönen jonglieren. Zwei Klarinetten scheinen Achterbahn zu fahren und das Horn verbreitet fast schon klischeehaft schönste Waldromantik.

Mark Simpson, Anfang 30, hat ein furioses Mini-Oboenkonzert geschrieben. Da muss sich der Solist, der grandiose Nigel Shore, gegen das Ensemble durchsetzen und gerät ganz schön außer Atem. Aber wie melodisch ist es auch hier, welches Schaumbad wird zubereitet. Das ist wirklich angenehm anzuhören, gut gemacht, nicht langweilig. Aber neu ist das alles nicht.

Gutes Ensemble

Das ensemble unitedberlin feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Inzwischen ist man Ensemble in Residence am Konzerthaus Berlin. Und mit dem Chefdirigenten des Rundfunk-Sinfonieorchesters, Vladimir Jurowski, hat man einen prominenten Künstlerischen Leiter. In den letzten Jahren konnte sich das Ensemble noch einmal deutlich steigern.

Und auch bei seinem aktuellen Konzert spielte das ensemble unitedberlin auf bemerkenswertem Niveau, in diesem Fall unter der – natürlich – britischen Dirigentin Catherine Larsen-Maguire, hervorragend einstudiert und energisch umgesetzt. Da sind ausgezeichnete Solistinnen und Solisten, die Spaß an den virtuosen Herausforderungen haben, auch gut als ganzes Ensemble präsentiert. Eine  überzeugende Leistung, wenngleich man als Ensemble für Neue Musik diesmal mit diesen zahmen Stücken nicht gerade herausgefordert wurde.

Andreas Göbel, kulturradio

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