Brad Mehldau; Foto: Gregor Baron
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Philharmonie Berlin - Brad Mehldau und Ian Bostridge

Bewertung:

Der klassische Sänger Ian Bostridge und der Jazz-Weltstar Fred Mehldau haben sich zufällig gefunden, Man spürt eine gewachsene, innige, feinfühlige Beziehung, wenn sie zusammen musizieren.

Zudem führte die Verbindung zu einem Gesangszyklus, in dem Mehldau 10 heterogene Gedichte von William Blake bis E. E. Cummings z. Teil fließend verbindet. Man kann sich das so vorstellen: Ein etwas liebes-waidwunder Mensch sitzt abends beim Rotwein und zieht Gedichte hervor, die von spiritueller Liebe bis Pornografie (Brecht!) und Begattung des schönen Jünglings Ganymed durch Zeus als Adler reichen. Das alles im jazzigen Flow of Consciousness und expressionistischen Ausbrüchen des Gesangs: Das  passt gut und bezaubert. Die expressiven Ausbrüche bei Mehldaus Musik sind dann allerdings das Problem der klassischen 2. Hälfe.

Introvertiert mit Ausbrüchen

Die Dichterliebe ist kein Melodram, sondern eine sehr feinnerviges, eher introvertiertes Stück mit Ausbrüchen. Für Bostridge, dessen Stimme in der Tiefe oft überfordert ist, gewinnt jedoch jedes Wort eigenen Nachdruck und auch stimmliches Pressen, ist alles ein gar schröckliches Drama, z. T. mit schauspielerischen Einlagen. Man kann plötzlich sehr gut verstehen, warum die Frau diesem egozentrischen, sich selbst bemitleidenden Mann davongelaufen ist!

Fred Mehldau dagegen spielt genau wie man sich Schumann wünscht, fein, sensibel, farbforschend, vielleicht etwas zu sanft.

Ian Bostridge © Sim Canetty-Clarke
Ian Bostridge

In den Jazz-Zugaben glänzt Mehldau in unnachahmlichem Klang, auch Bostridge hat sich wieder etwas gefangen. Leider ist die Nachwirkung der völlig überzeichneten Dichterliebe noch sehr stark! Die Geschmacksverirrung kam immerhin bei den meisten HörerInnen sehr gut an, was leider viel über den Stand des gegenwärtigen ästhetischen Bewusstseins aussagt.

Clemens Goldberg, kulturradio

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