Vocalconsort Berlin; © Hans Scherhaufer
Hans Scherhaufer
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Radialsystem V - Prinzip Hoffnung V – Passion

Bewertung:

Prinzip Hoffnung ist das Motto des 15-jährigen Bestehens des Vokalconsorts. Im Radialsystem wurde Bachs Johannes-Passion in Szene gesetzt, um sie auf Zeichen der Hoffnung zu untersuchen.

Alle Beteiligten in Alltagskleidung, einige Zuschauer sitzen auf der Bühne, die Solisten stammen überwiegend aus dem Chor und haben ihren Auftritt aus dem Zuschauerraum. Dazu sehr dezente Schwarzweiß-Bilder: ein Demonstrant wird überwältigt, ein Stasi-Verhörraum, brüllende Massen.

Zuweilen wird Jesus oder Pilatus in diese Bilder projiziert. Hier hätte man sich durchaus auch etwas mehr vorstellen können, so gefährlich Bebilderungen im Prinzip sind. Die Botschaft ist klar: WIR sind diese manipulierbaren Massen, wir können jederzeit auch so werden wie die wütende Menge, die Jesu Tod will. Manchmal sind wir auch zu bewegender Selbstreflexion fähig. Aber sind wir das dadurch wirklich?

Dem steht der ungeheure Kunstcharakter der Musik entgegen, ihre barocke Sprache, die barocke Aufführungspraxis des im Übrigen exzellenten, frei zusammengestellten Instrumentalensembles, die höchste Kunstfertigkeit des unauffällig von Marcus Creed dirigierten Vokalconsorts. Die kleine Besetzung schafft zusätzliche Direktheit, aber gerade so wird die Kostbarkeit der Musik als Kontrast zur Alltagskleidung nur noch deutlicher.

Dass die Chor-Solisten nicht das letzte solistische Niveau erreichen, berührt einerseits, denn es sollen ja prinzipiell wir sein, die zur Reflexion aufgefordert sind. Andererseits ist die Musik aber eben doch so sehr Kunst, dass man vielleicht durch ganz außerordentliche Solisten noch mehr berührt würde.

Holger Marks © Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

Es gab aber auch "echte" Solisten, an erster Stelle Holger Marks als auswendig singender Evangelist. Gegen Ende ließ die Stimme etwas Stress erkennen. Auch hier hätte man sich eine Aktualisierung als Kriegsreporter vorstellen können. Leider blieb Jeongwhan als Jesus stimmlich sehr problematisch. Christian Wagner als Pilatus hatte da eine ganz andere Präsenz.

Ein weiterer Bruch blieb unbeleuchtet. Das Johannes-Evangelium ist ein Propagandatext erster Ordnung, der die Juden als allein Schuldige an Jesu Tod darstellt. Die überwältigenden Chorpassagen der Passion sind Instrument des Antisemitismus. Seht her: Die Anderen sind fanatische Verbrecher, wir aber sind gerecht.

Wo bleibt da die Hoffnung? Nur in der Loslösung aus der Masse, in der Selbsterkenntnis. Die Welt retten wird sie vermutlich nicht.

Clemens Goldberg, kulturradio

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