Bühnenszene Oper "SCHNEEWITTCHEN"
Staatsoper Berlin/Gianmarco Bresadola
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Staatsoper – Alter Orchesterprobensaal - Engelbert Humperdinck: "Schneewittchen"

Bewertung:

Die Handlung der unvollendeten Oper von Engelbert Humperdinck wurde etwas gerafft und mit Wortwitz angereichert. Für Humperdinck-Sammler ist die Produktion ein kleines Goldstück.

"Schneewittchen", das ist eine unvollendete Oper von Engelbert Humperdinck. Reichlich unvollendet sogar. Fertig geworden sind hauptsächlich drei Zwergenchöre und eine Arie der Titelheldin (nichts für die böse Königin oder den Prinzen).

Nicht verwechselt werden sollte das Werk mit "Dornröschen", einer anderen, vollendeten Humperdinck-Oper. "Schneewittchen" entstand 1888 direkt vor "Hänsel und Gretel" – und gleichfalls auf ein Libretto von Humperdincks jüngerer Schwester Adelheid Wette. Für bekennende Hänsel und Gretel-Fans (wie mich) eine schöne Idee, das unvollendete "Schneewittchen" in ein fertiges Werk hinein zu retten; welcher Aufgabe sich der österreichische Komponist Wolfgang Mitterer für die Wiener Taschenoper unterzog. Seit 2016 war sein Werk in Göttingen, Hamburg und anderswo zu sehen.

SCHNEEWITTCHEN
Bild: Gianmarco Bresadola

Reizvolles Hin und Her zwischen Altbackenem und Aufgebackenem

Nur mit ein bisschen elektronischer Film-Atmo unterlegt Mitterer die Handlung. Daraus ergibt sich ein reizvolles Hin und Her zwischen Altbackenem und Neuaufgebackenem. Für die böse Königin wurden einige Hexen-Titel aus "Hänsel und Gretel" adaptiert. Anderes stammt aus den "Königskindern". Humperdinck embedded... Das kann ihm gar nicht schaden.

An der Handlung ist nichts geändert, nur etwas gerafft. "Spieglein, Spieglein an der Wand...?" lautet nach wie vor die allmorgendlich bange Frage; nur dass wir heute weniger rabiat gegen Schönheitskonkurrenz vorgehen würden – erst recht nicht unter Einsatz verdorbenen Obstes.

Mit einer Stunde Dauer ist der Abend, was selten vorkommt, fast zu kurz. Im Alten Orchesterprobensaal wird mit ein Paar Treppchen, Deko-Geweihen und Laubkissen ein kleines Weihnachtsmärchen nachgereicht.

Grimm bleibt Grimm

Die Regisseurinnen Constanze Albert und Gail Skrela legen Wert auf Wortwitz. So bezeichnen sich die sieben Zwerge rundheraus als "Bergwerksingenieure" – was nun vollends zum Lachen ist, wenn man die sieben Kindersoprane daneben sieht, die sich ganz allerliebst die grau angeklebten Zuppelbärte kraueln. Der vagabundierende Prinz hört auf den schönen deutschen Namen "Horst" – worauf er sich von den Zwergen belehren lässt, das gehe nun aber so nicht in einem Märchen ... Da haben sie recht.

Ein Keyboard-Trio übt sich in musikalischem Understatement. Das ist ein Problem, da Humperdinck den vollen Orchestersatz braucht, um gut zu wirken. So wie es ist, erwecken die unterkomplexen Harmonien der Eindruck, dass es in Humperdincks (schmalem) Oeuvre ein enormes Niveaugefälle gibt. Und dass aus "Schneewittchen" so oder so kein Meisterwerk geworden wäre.

Trotzdem, von wegen "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen, wer hat aus meinem Becherchen getrunken ...": Grimm bleibt Grimm. Und für Humperdinck-Sammler ist die Produktion ein kleines Goldstück.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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