Deutsche Oper: Staatsballett Berlin La Sylphide von August Bournonville
Yan Revazov
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Deutsche Oper Berlin - Staatsballett Berlin: "La Sylphide"

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Das romantische Ballett "La Sylphide" von Filippo Taglioni wurde 1832 in Paris uraufgeführt und vier Jahre später von August Bournonville neu choreografiert. Diese Fassung von 1836 ist nun in der Rekonstruktion durch Frank Andersen, einem der führenden Bournonville-Spezialisten, mit dem Staatsballett Berlin in der Deutschen Oper Berlin zu erleben.

Sie ist wunderschön, aber schicksalhaft unmöglich, die Liebe zwischen dem schottischen Landjunker und der Waldfee und so endet sie auch tragisch. "La Sylphide", eines der berühmtesten Ballette der Ballettgeschichte, Ideal und Vorbild für alle romantischen Ballette danach. Das Staatsballett Berlin hat die Fassung von August Bournonville von 1836, rekonstruiert vom Dänen Frank Andersen, gestern in der Deutschen Oper Berlin zur Premiere gebracht.

Liebevolle Rekonstruktion

Frank Andersen ist liebevoll und respektvoll an die berühmte Bournonville-Fassung herangegangen, mit der Lebens-Erfahrung eines früheren Tänzers, langjährigen Choreographen und vieljährigen Direktors des Königlich Dänischen Balletts. Diese Rekonstruktion ist zwar auch ein Besuch im Ballett-Museum, ist jedoch nicht verstaubt oder museal – anders als die letzte "Sylphide"-Staatsballett-Fassung von 2008, von Peter Schaufuss mit ihrer süßlich-schweren Antiquiertheit. Andersen hält sich nah am Original, führt nüchtern, rasch und straff, ohne Kitsch und Pathos durch die Handlung und es ist ihm gelungen, den Staatsballett-Tänzern den Bournonville-Stil zu vermitteln.

Dessen Credo war, verkürzt gesagt: Grazie, Schönheit und Natürlichkeit. Der Tanz sollte in aller Leichtigkeit ausgeführt in Harmonie münden, die Tänzer sollten technische Perfektion mit natürlich wirkender darstellerischer Überzeugungskraft verbinden. Das hat Frank Andersen in seiner Bournonville-geprägten Ausbildung in Kopenhagen gelernt und verinnerlicht und jetzt nach Berlin gebracht.

Zeitreise ins Ballett-Musuem

Dafür hat Andersen auch das historische Setting übernommen. Der erste Akt spielt in einem schottischen Landadel-Haus, hohe Mauern, viel dunkles Holz, Kamin und Ohrensessel, der zweite Akt ist ein ebenso klischeehafter Zauberwald mit Kunstnebel und Bergen im Hintergrund. Die Kostüme sind historisierend: die Herren im karierten Schottenrock, die Damen in Folklore-Tracht und als Sylphiden in weißen Tutu mit kleinen Flügelchen. Und auch die Geschichte vom Landjunker Steve, der eigentlich Effie heiraten soll, dem aber die Sylphide, das Luft- und Waldgeisterwesen, nicht aus dem Sinn geht, ist Romantik der 1830er Jahre. Bournonville hat damit das zentrale Motiv des romantischen klassischen Balletts gesetzt, den unauflösbaren Konflikt zwischen der irdischen Liebe und der unerfüllbaren übersinnlichen Liebe, die Aufteilung in zwei Lebenswelten, das Reale und die Traumwelt, das Transzendentale. Der Märchenstoff, der wundervolle weiße Akt, die Ballerinen auf Spitze und in weißen Tutu als feengleiche ätherische Wesen – das alles ist Ballett-Geschichte.

Maria Kochetkova und Marian Walter

Maria Kochetkova, als Gast engagiert, ist eine bezaubernde Sylphide, klein und feengleich, technisch hervorragend und mit zarter anmutiger Ausstrahlung. Sie ist absolut glaubwürdig als Liebende, die um die Tragik ihrer Existenz weiß, die weiß, dass ihre Liebe keine Erfüllung finden kann - das ist ihr Sylphiden-Schicksal. Kochetkova wäre, sollte dies möglich werden, eine enorme Bereicherung für das Staatsballett.

Eigentlich sollte der zu Anfang der Saison neu verpflichtete Daniil Simkin als James seine großen Premiere bekommen, er hat sich jedoch leider leicht verletzt und so hat Marian Walter die Premiere übernommen, im Dezember mit dem Ehrentitel als Berliner Kammertänzer ausgezeichnet. Marian Walter hat schon 2008 den James getanzt und ist vom kindlichen Träumer damals zum tragischen Helden heute gereift. Im ersten Akt nimmt man ihm die Zerrissenheit und Schicksalhaftigkeit seiner Liebe zur Sylphide nicht so ganz ab, im zweiten Akt, wenn er sie, von der bösen Hexe ausgetrickst, ungewollt tötet und an gebrochenem Herzen zu sterben scheint, ist Marian Walter völlig glaubwürdig. Dieses Finale gestalten beide wahrlich zu Tränen rührend.

Erwähnt werden müssen noch Aurora Dickie als furchteinflößende, todbringende böse Hexe und Alicia Ruben als Effie, die eine bewundernswert brav-biedere Verlobte gibt - sie ist James eher eine beste Freundin und man versteht, warum er sich so leidenschaftlich, haltlos hingerissen nach der Sylphide sehnt.

Deutsche Oper: Staatsballett Berlin La Sylphide von August Bournonville
Bild: Yan Revazov

Ein zauberhafter Abend leuchtend in schlichter Eleganz

Dies ist ein zauberhafter und freudespendender Abend. Frank Andersen hat hervorragende Arbeit geleistet, man versteht und spürt, warum Bournonvilles "La Sylphide" eine Ballett-Epoche begründet hat. Alles ist geschmackvoll fein aufeinander abgestimmt, die Pantomimen, sonst gern mal nervig, sind zurückhaltend präzise und gehen fließend in die Tänze über, die Handlung wird fast schlicht, in kunstvoller Einfachheit erzählt, die Tänzerinnen und Tänzer strahlen eine wunderbare Selbstverständlichkeit im Bournonville-Stil aus. Und Henrik Vagn Christensen führt das Orchester der Deutschen Oper schlüssig und souverän, ohne zu viel Lyrik und ohne zu viel Bombast durch die allerdings auch nicht sehr erinnerungsprägende Musik von Herman Lovenskjold.

Die erste Saison des Berliner Staatsballetts unter der Intendanz von Johannes Öhmann und ab Herbst auch Sasha Waltz mit zwei modernen zeitgenössischen Abenden und nun zwei Klassiker-Rekonstruktionen, nach der prunkvollen "Bayadere" im November jetzt in schlichter Eleganz leuchtend "La Sylphide", die erste Saison könnte ein großer Erfolg werden. Eine Premiere gibt es ja noch Anfang Mai.

Frank Schmid über die Premiere des Berliner Staatsballetts mit "La Sylphide". Die nächste Vorstellung ist morgen Abend in der Deutschen Oper Berlin, dann noch zweimal im März und dreimal im April.

Frank Schmid, kulturradio

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