Volksbühne Berlin: "Immer noch Sturm"
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Volksbühne Berlin - "Immer noch Sturm" von Peter Handtke

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Das Thalia Theater Hamburg ist zu Gast in Berlin und zeigt - heute zum letzten Mal - Peter Handkes "Immer noch Sturm" an der Volksbühne Berlin. Das Familien- und Geschichtsdrama ist wohl Handkes persönlichstes Bühnenstück.

Mit diesem Theatertext, das schrieb damals die Süddeutsche Zeitung, feiere Österreich die Heimkehr seines verlorenen Sohnes Peter Handke. 2011 war das, als "Immer noch Sturm" in Salzburg uraufgeführt wurde. Es gilt als Handkes persönlichstes Stück, sein großes Alterswerk, inzwischen preisgekrönt. Inszeniert hat die Uraufführung Dimiter Gotscheff, der berühmte Regisseur, der Handkes Sprache in ein großes Bühnenepos übersetzte. Es blieb eine seiner letzten Arbeiten, zwei Jahre später starb Gotscheff. Die Inszenierung überlebte: Acht Jahre lang wurde "Immer noch Sturm" am Hamburger Thalia Theater gezeigt, nun läuft es zum letzten Mal – nicht in Hamburg, sondern in Berlin, an der Volksbühne.

Poetisches Familienepos

"Immer noch Sturm" ist weniger ein Stück als eine Art szenische Erzählung auf 166 Seiten (auch als Buch erhältlich). Inhaltlich ist es ein poetisches Familienepos. Ein Ich-Erzähler lässt seine slowenischen Vorfahren in Kärnten in seiner Erinnerung lebendig werden, von 1936 bis in die 1950er Jahre. Es ist die Geschichte von Apfelbauern: die Großeltern, deren fünf Kinder und das "Ich", der Enkelsohn. Zwei Kinder schließen sich im Krieg den slowenischen Partisanen an, ein Sohn sympathisiert mit den Nazis. Drei der fünf Kinder sterben. Es folgt die Umsiedlung, das Verbot der Sprache, Eingliederung in Jugoslawien. Das "Ich" zitiert die Toten herbei, erweckt sie in seiner Erinnerung zum Leben. Es ist ein Text über den Verlust der Sprache, die bei Handke gleichbedeutend ist mit Heimatverlust. In der Sprache liegt die Heimat, sagt er.

Man kommt gar nicht umhin, das Stück auf Handkes eigene Biografie zu beziehen. Wie das Erzähler-Ich ist er ein Kärntner Slowene mit deutschem Soldaten-Vater, uneheliches halbdeutsches Kuckuckskind. Die entscheidende Wendung hat es allerdings nicht gegeben: Keiner seiner Vorfahren hat sich den Partisanen angeschlossen. Doch es gab diesen Widerstand gegen Nazi-Deutschland unter den Kärntner Slowenen. Das macht "Immer noch Sturm" auch zu einem historisch politischen Stück; es erinnert an eine Vergangenheit, die kaum noch jemand kennt.

Bewusst aus der Zeit fallen

Dimiter Gotscheff kam aus Bulgarien, das Gefühl von Heimatverlust kannte er. Er gibt dem Stück nun viel Zeit: Die Uraufführung dauerte 2011 fünf Stunden, mittlerweile ist sie auf vier Stunden gekürzt. Dieser Zeitfaktor ist wichtig: Man soll ganz bewusst aus der Zeit fallen. Das Erinnern kennt keine Zeitkategorie.

Symbol dafür ist die Bühne von Kathrin Brack: Über die kompletten vier Stunden segeln kleine, grüne Papierschnitzelchen auf die große, schwarze, leere Bühne herab. Jedes Blatt ein Stück vergangener Zeit. Man denkt an Schneeflocken, Konfetti, das Rieseln einer Sanduhr, Blätter im Partisanenwald. Am Ende ist es eine grüne Wiese geworden. Dieses stetige Rieseln ist ermüdend, aber es hypnotisiert auch. Durch diesen Schnee geht Jens Harzer als der sich erinnernde Enkel umher und zitiert die Toten herbei: die runde Großmutter mit Schürze und Melkschemel, den Großvater mit Hut, die lebensfrohe Mutter mit Ballerina-Röckchen. Es wirkt wie eine Mischung aus Traumspiel und Erinnerung.

Volksbühne Berlin: "Immer noch Sturm"
Bild: Volksbühne Berlin / Armin Smailovic

Anders als 2011

Wie die Schauspieler mit Handkes sinnlicher Sprache umgehen, ist bewundernswert. Jens Harzer passiert das Erinnern nicht einfach – es ist ihm eine Not, ein Getriebensein. Auch Gabriela Maria Schmeide ist ein Ereignis: Wie diese patente, versöhnliche Großmutter nach der Nachricht vom Tod ihres Sohnes einen archaischen Kriegstanz aufführt, ist wirklich zum Fürchten. Die Live-Musik von Matthias Loibner und Sandy Lopicic ist ohnehin tragend: die schiefen Klagegesänge der Familie, Sehnsuchtsmelodien, Kriegsgetrommel. So wie Handke selbst hat Gotscheff das Stück als einen Sturm gegen den Glauben an Geschichte als Fortschrittserzählung verstanden und inszeniert.

Heute wirkt der Abend allerdings durchaus anders als 2011. Auch das mag am Vergehen der Zeit liegen. Schon das Wort "Heimat" ist inzwischen politisch derart instrumentalisiert worden, das man es momentan kaum unvoreingenommen aufnehmen kann. Die Geschichte der Kärntner Slowenen, die Suche nach den eigenen Wurzeln ist zwar nach wie vor unglaublich hörenswert – der Erzähler hingegen, der im hohen, verklärten Handke-Ton den großen Klagegesang anstimmt auf die Schlechtigkeit der Welt, der sich die gute alte Zeit zurückwünscht, nur in der Vergangenheit lebt, nur seine Ahnen verehrt, wirkt inzwischen aber auch befremdlich.

Historisch

Man darf zwiegespalten sein: Einerseits ist es großartig, wenn sich das Theater seine Themen nicht von politischen Diskursen wegnehmen lässt, auch auf die Gefahr hin, anachronistisch zu wirken. Andererseits kann einen diese schwermütige Großvaterklage sehr auf Abstand halten.

Inzwischen kann man die Inszenierung durchaus als historisch ansehen, wichtiges Relikt aus einer verlorenen Zeit. Theater ist nun einmal stets Spiegel der Gegenwart – und diese Gegenwart verändert sich, auch innerhalb von nur acht Jahren. So gelungen diese Inszenierung ist – so berechtigt ist es womöglich auch, dass sie nun ihre Dernière feiert.

Barbara Behrendt, kulturradio

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