rauschen von Sasha Waltz & Guests
Julian Röder, 2019
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Volksbühne Berlin - "rauschen" von Sasha Waltz & Guests

Bewertung:

„rauschen“ heißt die neue Produktion von Sasha Waltz. In der Choreographie für 12 Tänzerinnen und Tänzer beschäftigt sich die künftige Co-Intendantin des Berliner Staatsballets mit einer Gesellschaft im perfekten Lebensraum, der jedoch die Welt abhanden gekommen ist. Als "Enthüllungsprozess" wurde das neue Stück angekündigt.

Immer weniger Freiräume, immer mehr digitalisierte Kontrolle und Überwachung gebe es in unserer Welt. Das hat Sasha Waltz vor einigen Tagen in einem Interview gesagt, um eines der Themen ihrer neuen Choreographie zu beschreiben. "rauschen" heißt ihr neues Stück, mit großer Spannung erwartet, an der Volksbühne uraufgeführt.

Gegenwarts-Diagnose, Ausweg und Grundsatzfrage

Sasha Waltz geht es dabei um eine Gegenwarts-Diagnose und die Suche nach einem Ausweg und um die Grundsatzfrage, was uns Menschen im Wesenskern ausmacht – Themen, die schon immer in ihren Choreographien anwesend waren und die sie nun kurz vor Ende ihrer Jubiläums-Saison zu 25 Jahren "Sasha Waltz und Guests" in konzentrierter Form anpackt.

Dabei zerfällt allerdings das neue Stück "rauschen" - der Titel ist bewusst assoziationsoffen gemeint - in zwei Teile, die als Ganzes zu denken schwer fällt. Der erste Teil ist eine bittere Deutung unserer Zeit, der zweite ein mythisches Raunen und dazwischen liegt eine Phase des Übergangs, der Veränderung und Entwicklung, der Transformation. Ein Zwischenspiel, das sich jedoch einer Interpretation entzieht.

Dystopie – Entfremdungs- und Lähmungszustände

Im ersten Teil zeigt Sasha Waltz eine dystopische Analyse, einen pessimistischen Blick auf unsere Gegenwart. Im kalk-grau-weißen Bühnenraum und zu einem Soundtrack aus Alltagslärm vibrieren und krampfen 12 Tänzerinnen und Tänzer in Vereinzelung, in fiebriger Unruhe, in Haltlosigkeit und Leere. Die Körper steif und verkantet, wirken sie wie humanoide Roboter, die Menschen nachzuahmen versuchen.

Die allgemeine Überforderung, die Rast- und Ruhelosigkeit unserer Zeit, der Zwang zu Selbstoptimierung und Effizienz, zur Selbstdarstellung als perfekt funktionierende Wesen in einer scheinbar perfektionierten Welt hat zu Entfremdungs- und Lähmungszuständen geführt. Die Scheinwelt der digitalen Medien, die schöne heile Selfie-Welt hat unüberwindbare Brüche: "Etwas ist falsch mit mir. Du bist ein fake, eine Lüge. Ich bin so müde und traurig.", heißt es in den gesprochenen Texten der Tänzerinnen und Tänzer.
Begegnung von Mensch zu Mensch, ein Miteinander gibt es nicht, Bewegungen und Berührungen wirken mechanisch, technisch-monoton, minimale Gesprächsfetzen wirken wie von Algorithmen gesteuert, als würden "Alexa" und "Siri" miteinander sprechen. Wenn es heißt: "Bitte umarme mich.", ist die Antwort: "Ich weiß nicht, was das bedeutet." Eine düstere Diagnose unserer Gegenwart, zwar zutreffend und stimmig, aber nicht sonderlich originell, oft gesehen und völlig überdehnt, viel zu lang.

rauschen von Sasha Waltz & Guests
Bild: Julian Röder, 2019

Mythisches Raunen - Priesterinnentänze

Nach der für Sasha Waltz neuen Bewegungssprache im ersten Teil folgt im zweiten eine Rückkehr zum Tanz ihrer letzten Stücke, zum bedeutungsschweren Beschwören einer Gemeinschaft in archaischen Bildern und Reigentänzen, ein fast magisch-okkultistisches Sehnen und Erflehen in Priesterinnen-Tänzen. Die Damen oberkörperfrei und mit knöchellangen schwarzen Röcken und flatternden Haaren in Schreit-, Kreis- und Dreh-Tänzen – als synchron getanzte Gruppenchoreographie und in den expressiven Soli ist das schön anzuschauen und doch nah am Kunstgewerbe. Eigentlich ist dieser zweite Teil ein Stück für sich, folgt unverbunden auf den ersten.

Unklare Transformation im Zwischenspiel

Und zudem bleibt die Transformation im Zwischenakt, im Zwischenspiel eine bloße Behauptung. Einige Tänzer besprühen ihre Kleider mit Wasser, die Kleider lösen sich in Schaum auf, so dass sie nackt vor uns stehen, andere besprühen die kalkweiße Rückwand und auf der riesigen weißen Fläche erscheinen tiefschwarze Schlieren, die sich jedoch ebenfalls auflösen und wieder verschwinden.

Das sind faszinierende Bilder für Wandlung und Verwandlung, aber was diese Transformation auslöst, wie das Entkommen aus der bitteren Gegenwart in die heilende Gemeinschaft gelingen soll, bleibt unklar – sich dem Unbewussten, seinen Ängsten und Innenwelten zu stellen, wie Sasha Waltz es vermutlich meint, wäre eine profane Botschaft.
Nach der konkreten, geradezu naturalistischen, erzählerischen und psychologisch darstellerischen Gegenwartsdiagnose, kommt ein malerisch-bildhaftes Spiel mit Farbe, Licht und Raum und danach ein Ausflug ins Metaphysische, ins Ungefähre, Nicht-Greifbare und Nicht-Sagbare. Das passt alles nicht recht zusammen.

rauschen von Sasha Waltz & Guests
Bild: Julian Röder, 2019

Die Sucht nach schönen Bildern

Sasha Waltz ist bei dieser Choreographie ihrer Sucht nach schönen Bildern erlegen. Kostüme, Licht, Bühne sind wunderschön erlesen, phantasievoll und überraschend, einmal werfen die Körper der Tänzer rote Schatten, ein toller Effekt. Aber es bleibt bei Effekten und Bildern, bei einem weißen und einem schwarzen Akt und einem rätselhaften Zwischenspiel – ein klares, stringentes Konzept fehlt.

Der gut zweistündige Abend hat deutliche Überlängen, müsste gerafft, gestrafft, gekürzt werden, die Dramaturgie ist inhaltlich und szenisch unklar und es fehlt leider wieder der früher so wunderbare Sasha-Waltz-Humor, der Witz, die kuriosen Überraschungen - ein bisschen Sarkasmus und einige Lieder von den Beatles als Auflockerung des ernsten Ganzen reichen nicht.
Wenn Sasha Waltz mit Beginn der neuen Spielzeit ganz ans Berliner Staatsballett wechselt und dann pro Saison einmal für ihre eigene Compagnie und einmal für das Staatsballett neue Stücke kreiert, muss deutlich mehr von ihr kommen als so ein schaurig-schöner postromantischer Bilderreigen im edlen Design.

Frank Schmid über "rauschen", die neue Choreographie von Sasha Waltz. Heute Abend noch einmal an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu sehen. Allerdings ist die Vorstellung ausverkauft. Ende April gibt es dann noch einmal vier Vorstellungen.

Frank Schmid, kulturradio

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