Szenebbild: BERLINER ENSEMBLE/Othello
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Berliner Ensemble - "Othello"

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Dass Shakespeares "Othello" häufig auf den Theaterbühnen steht, hat auch mit den gegenwärtigen Rassismus-Debatten zu tun.

Othello ist ein schwarzer Heerführer, der für seine Kriegserfolge bewundert und für seine Hautfarbe verachtet wird. Auch das Eifersuchtsdrama, das in Shakespeares Klassiker steckt, hat mit Othellos Hautfarbe zu tun – er lässt sich einflüstern, eine weiße Frau wie Desdemona könne einen wie ihn nicht lieben.

 

Schwarz, weiß, rot

Vor einem halben Jahr hat Michael Thalheimer Shakespeares "Macbeth" als großes Schlachtfest inszeniert – und auch sein "Othello" ist düster und blutig. Thalheimer setzt auf seine bewährten Stilmittel: eine schwarze, leere Bühne, ein Schlagzeug mit bedrohlichem Rhythmus und viel Blut, viel rote und weiße Farbe. Thalheimer kennt nur schwarz, weiß, rot. Zwischentöne findet man (im wahrsten Sinne des Wortes) keine.

Schon die erste Szene liefert eine Zusammenfassung des Abends. Othello stolziert nackt auf die Bühne, nur schwarze Soldatenstiefel an, von oben bis unten mit roter Farbe beschmiert, er reckt die Brust, spielt mit den Muskeln. Dann kommt Desdemona, nackt, in weiße Farbe getunkt, die nass von ihrem Körper rinnt, während die beiden wie Tiere übereinander herfallen. Desdemona züngelt lüstern, wird vom Blut besudelt, Othello färbt sich weiß. Bis ihr Begatten in Gewalt umschlägt und Othello Desdemona erwürgt. Jago, der Intrigant, steht am Bühnenrand, schwarzer Anzug, weiß geschminktes Gesicht – ist es Jagos Albtraum, seine kranke Fantasie? Er spuckt die ersten Worte mit Abscheu aus: "Ich hasse Othello, das Tier!" 

Die Farbe des Blutes

Wie schon den "Macbeth" spielt Ingo Hülsmann auch Thalheimers Othello. Die Stigmatisierung des schwarzen Heerführers zeigt er dabei kaum. In Zeiten der Repräsentationsdebatte, also der Diskussion darüber, ob weiße Schauspieler schwarze Figuren spielen dürfen – und vor allem: Wie, wenn das Schwarzanmalen als rassistische Tradition gebrandmarkt ist, heißt die erste Frage stets: Wer spielt Othello? Hier ist es zwar ein weißer Schauspieler, seine Hautfarbe ist jedoch komplett ausgelöscht. Als siegreicher Heerführer trägt er nur noch die Farbe des Blutes.

Othello nennt sich selbst einen Schwarzen, doch das zeichenhafte Thalheimer-System zeigt das an keiner Stelle. Nur am Anfang beschuldigt ein Chor unter ku-klux-klan-ähnlichen Hauben Othello der Rassenschande. Danach geht es allein um Triebe: sexuelle Hörigkeit, Begierde, mörderische Eifersucht, Machthunger. Das sind die Todsünden, von denen die Figuren in die Hölle gejagt werden. Othello ist die Ausgeburt der rohen Männlichkeit. Ein autoritärer Anführer, ein testosterongeladenes Muskelpaket.

Buckelnder Untertan, aschfahler, asexueller Wicht

Die eigentliche Hauptfigur im Stück ist allerdings Jago, der Gegenspieler, der seinem Vorgesetzten Othello das Märchen von der Untreue seiner Frau erzählt und ihm das Gift der Eifersucht einträufelt. Peter Moltzen spielt ihn als hundertprozentigen Gegensatz zum virilen Othello.

Ein buckelnder Untertan, ein aschfahler, asexueller Wicht, der sich über Othellos Unglück freut wie ein hinterlistiges Rumpelstilzchen. Und sein Hass ist unergründlich. Man sieht nur, dass seine Abscheu vor Othello wächst, umso jämmerlicher der sich verhält. In einer Schlüsselszene krümmt sich Othello am Boden wie ein Insekt im Todeskampf, ein durch Eifersucht vergiftetes Tier. Jago dreht ihn mit dem Fuß auf den Rücken, sodass Othello zappelt wie ein Käfer, und spuckt ihm eiskalt ins Gesicht. Etwas, das er am Anfang des Abends schon versucht, sich aber nicht getraut hatte.

Dass Othello Jagos Beflissenheit anfangs noch vertraut, ist seiner schlechten Menschenkenntnis zuschreiben.

Kraftmeiernde Farbschleuderei

Über Rassismus und Eifersucht kann und will der Abend nichts Neues erzählen. Thalheimer interessiert sich nicht für aktuelle Debatten oder Aktivisten-Theater. Ihm geht es um all das Untergründige im Menschen, das man mit Vernunft weder begreifen noch bekämpfen kann – wie die Eifersucht. Der triebhafte Mensch steht hier im Zentrum, all das, was wir in unserer cleanen Welt verachten. Wir sehen kein psychologisch plausibles Theater, hier geht es nicht um Einfühlung – hier kämpfen widerstreitende Systeme gegeneinander.

Diese Sicht auf die Welt, diese Art des Theaters hat durchaus seine Berechtigung. Doch in Thalheimers Reduktion ist der Abend, bei aller großen Schauspielkunst, weder erschütternd noch erkenntnisreich. Der virile Mann, der die Frau besitzen will, die Frau: Objekt der Begierde und Opfer – das sind archaische Urtypen und gleichermaßen eindimensionale Klischees. Der Mensch hat, gerade bei Shakespeare, einen Intellekt, ein Herz, eine Seele.

Das verträgt sich nicht mit der kraftmeiernden Farbschleuderei Thalheimers. Und vor allem: Das zentrale Thema des Fremden in der Gesellschaft geht bei allem Muskelspiel vollkommen unter.

Barbara Behrendt, kulturradio

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