Bühnenszene: "DIE VERLOBUNG IM KLOSTER"
Ruth und Martin Walz
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Berliner Staatsoper - Sergej Prokofjew - Die Verlobung im Kloster

Bewertung:

Sergej Prokofjew „Die Verlobung im Kloster“ ist die vielleicht letzte große Komische Oper der Musikgeschichte.

Uraufgeführt 1946, entsprach das heitere Sujet dem, was die sowjetische Führung liebte. Trotzdem wurde das Werk wegen "Formalismus" verboten. Ich wüsste nicht, welche Aufführung ich außerhalb Russlands je verpasst hätte. Nach Berlin, verdienstvoll genug, kommt das nur aufgrund des Vorschlags von Regisseur Dmitri Tscherniakov. Insofern schon mal: Großer Orden der Oktoberrevolution.

Gemeinschaft anonymer Opernabhängiger

Das Kloster ist, wie wir nicht erst seit Casanova wissen, der Ort erotischer Eskapaden. Das Libretto der Verwechslungskomödie war schon 200 Jahre alt, als Prokofieff es vertonte.

Die schablonenhafte Handlung, die auch Aretino oder dem "Decamerone" Boccaccios entlehnt sein könnte, wird von Tscherniakov radikal gegen den Strich gebürstet. Er erzählt vielmehr von einer "Gemeinschaft anonymer Opernabhängiger" (Opera Addicts Anonymous). Diese Leute denken sich die Oper nur aus, um damit ihr Therapieziel zu erreichen. Beteiligte Sänger müssen mit ihrer eigenen Biographie herhalten.

Stephan Rügamer, für den dies der große Abend ist, will mit der Therapie angeblich seine Ehe retten. Violeta Urmana arbeitet ihre im Niedergang befindliche Divenkarriere auf.

Tönender Sarkasmus

Sehr lustiger, starker Ansatz! Nicht ganz so lustig durchgeführt; was auch daran liegt, dass das Werk vor der Pause massiv schwächelt. Danach wird’s besser. Der Schluss ist super gelungen. Da stürmen die Alt-Lieblinge der Opern-Afficionados in Gestalt des Chors die Bühne: eine Pavarotti-Klon als Rigoletto-Herzog mit Goldlaub im Haar; Edita Gruberova in "Roberto Devereux" sowie ein Dutzend weiterer Wiedererkennungseffekte.

Prokofieff liefert eine rasante Parlando-Oper von tönendem Sarkasmus. Musikalisch gesehen: Wer Janáček mag, wird auch dies mögen. Für Daniel Barenboim ist es das richtige Stück, da er – bei voll ausgekosteter Dramatik – Klarheit und Struktur stiften kann. Barenboim war (wenn wir Wagner einmal beiseite lassen) am Besten immer bei modernen Stücken (Bergs "Wozzeck") und bei unbekannten Russen. Dies hier ist beides. Neben Rimskis "Zarenbraut"(vor einigen Jahren) sein zweitbesten Dirigat seit langem.

Exquisit besetzt

Die Ensembleoper ist, was ich in letzter Zeit selten genug von der Staatsoper behaupten konnte: von vorne bis hinten exquisit besetzt. Goldklar der Sopran von Aida Garifullina. Super die Liebhaber: Andrey Zhilikhovsky und Bogdan Volkov. Leicht mezzoklirrig, aber eindrucksvoll: Anna Goryachova. Großartige Sache.

So ist dies ein Treffer, für den man Sitzfleisch und Interesse mitbringen sollte. 3 ½ Stunden sind kein Pappenstil; aber Rossinis "Barbier" wäre auch nicht kürzer. Ich hasse jedes Gefälligkeitslob, aber die Aufführung ist doch irgendwie eine Tat. Die Gelegenheit kommt nicht wieder.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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