"Auf Dich, Theo!": Franziska Melzer (links), Ulrike Beerbaum
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "Auf Dich, Theo! Oder der Staub vergeht, der Geist besteht"

Bewertung:

So viel Fontane war nie! Mit unzähligen Ausstellungen und Aufführungen, Büchern und Lesungen wird in diesem Jahr landauf, landab der 200. Geburtstag des großen Erzählers, passionierten Wanderers und wohl bedeutendsten Vertreters des deutschen Realismus gefeiert. Überall wird Leben und Werk des Dichters und Journalisten neu vermessen und gewürdigt.

Da will natürlich auch das Potsdamer Hans Otto Theater nicht zurückstehen und hat unter der Regie von Anna Franziska Huber in der Reithalle einen Fontane-Abend eingerichtet: "Auf dich, Theo! oder Der Staub vergeht, der Geist besteht", klingt nach einem feucht-fröhlichen Abend unter alten Freunden. Der Jubilar ist zwar seit 120 Jahren tot, aber er ist natürlich - gerade in Berlin und Brandenburg - noch immer höchst lebendig, er lebt weiter in Erinnerungen und Überlieferungen, journalistischen Texten und Romanen, die wir immer wieder neu und mit Gewinn lesen können.

Die Grundidee ist an diesem Abend, dass man unter einem 200-jährigen Baum eine kleine Garten-Geburtstagsfeier ausrichtet und den Geist des zeitlosen Autors heraufbeschwört. Vier Personen suchen einen "untoten" Autor, erheben ihr Glas und lassen Theos Leben und Werk Revue passieren: die Geburt des Apotheker-Sohnes in Neuruppin, die Kinderjahre in Swinemünde, die Jugend in Berlin, die Suche nach einem auskömmlichen Beruf, zunächst als Apotheker, dann als Journalist, Wanderer und Theaterkritiker, seine Ehe mit Emilie, das Leben als Familienvater, das Hin und Her zwischen Berlin und London, dann - endlich - die späte Karriere als Schriftsteller von so zeitlos-mächtigen Romanen wie "Frau Jenny Treibel", "Effie Briest" und "Stechlin". Damit die Feier nicht zum Volkshochschulseminar gerät, lässt man den Jubilar so oft wie möglich selbst zu Wort kommen und kleidet die Erinnerungen in Gedichte und Balladen, autobiografische Texte und Briefe des Autors, rezitiert und singt ihn ohne Unterlass.

Ein Dutzend Gedichte und Balladen

Es sind wohl ein Dutzend Gedichte und Balladen plus einige Auszüge aus seinen Briefen: Fontanes Ode an den "Frühling" (1851) ist genauso dabei wie seine Ballade auf "John Maynard" (1886), die Erinnerung an die erste große Jugendliebe "Minna" Krause (1853): "Ich reichte dir die Beeren und du reichtest mir deinen Mund", seine Liebeserklärung an die Gattin "Emilie" (1868). Natürlich darf auch die wohl bekannteste aller Fontane-Balladen über den "Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" (1889) nicht fehlen, ein Gedicht, das nicht altern will, einen immer wieder zu Tränen rühren und zum Schmunzeln bringen kann. Die Noten komponiert hat David Loscher, der auch alle möglichen Instrumente spielt (Gitarre, Akkordeon, Contra-Bass, Mundharmonika), am Klavier sitzt mit zartem Anschlag und flinken Fingern Rita Herzog, als Fontane-Stimmen, Sängerinnen und Trommlerinnen treten Franziska Melzer und Ulrike Beerbaum auf. Die Melodien sind mal verträumt und romantisch, mal folkloristisch und aufbauend, mal jazzig und verspielt, es ist Musik von heute für Texte von gestern, die auch im Morgen noch Bestand haben werden.

"Auf Dich, Theo!": Franziska Melzer, Ulrike Beerbaum, David Loscher
Bild: Thomas M. Jauk

Leicht und luftig arrangiertes Ambiente

Das alles findet statt in einem szenisch leicht und luftig arrangierten Ambiente: Am alten, mächtigen Baum hängen nicht nur grüne Blätter, sondern auch grüne Papierschnitzel, die man pflücken kann und auf denen Theos Notizen stehen, auch die Baumrinde kann man abtragen und findet darauf Theos Lebensweisheiten. Die Bühne ist ein "weites Feld" mit Blumen und Gartenutensilien, Leitern, Harken, Blumen und Obstkörben voller Birnen, es gibt Bier, Kaffee und Baumkuchen, die Musiker und Schauspieler tragen Garten-Freizeit-Kleidung, sommerliche Strohhüte, bunte Latzhosen und Turnschuhe, es wird Karten gespielt, geschaukelt und herum gealbert, und dann wird immer wieder aus Theos Werk zitiert, werden seine Gedichte und Balladen gesungen und das Gesagte und Gesungene szenisch dezent untermalt. Wenn Theo aus seinen Liebesbriefen vorliest, wird geknutscht, wenn er durch die Mark wandert und Raben beobachtet, wird heiser gekrächzt, wenn er politische Unruhen und Barrikaden-Kämpfe in Berlin beschreibt, verschanzt man sich hinter einer Schubkarre.

Fontane hoch leben lassen

Von einer Feier darf man keine kritischen Töne erwarten, neue Facetten Fontanes kommen deshalb nicht zum Vorschein. Was gesagt und gesungen wird, ist altbekannt. Wir erfahren an diesem ziemlich kurzen Abend (er dauert gerade einmal eine gute Stunde) nicht viel mehr, als in jedem Wikipedia-Artikel zu lesen ist. Dass Fontane auch ein preußischer Rebell und revolutionärer Reaktionär war, spielt keine Rolle. Auch seine bedenklichen antisemitischen Äußerungen in der sogenannten "Judenfrage" bleiben unerwähnt. Dass der normale Alltag für Fontane wahrlich kein Zuckerschlecken war, dass er sich als Zeilenschinder in London verdingen musste, um sich und die Familie zu ernähren, dass er unter der zeitweiligen Trennung von Emilie und den Kindern litt und der Versuch gemeinsam in London Fuß zu fassen, kläglich scheiterte, all das wird zwar angedeutet, aber dann doch nur lächelnd umspielt. Aber das kann vielleicht auch nicht anders sein, denn der beiläufige und unterhaltsame, lyrisch und musikalisch verspielte Abend will ja doch nur eines: Fontane hoch leben lassen, mit dem Publikum ein bisschen schäkern und zusammen Birnen essen: Na dann: Prost Theo! Und guten Appetit!

Frank Dietschreit, kulturradio

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