"Jeder stirbt für sich allein": Jon-Kaare Koppe, Katja Zinsmeister
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "Jeder stirbt für sich allein"

Bewertung:

Der Roman war lange vergessen, doch seit er im Jahr 2009 ins Englische übersetzt wurde, erlebt er eine Renaissance. Der Aufbau-Verlag brachte eine neue ungekürzte Fassung heraus, eine Verfilmung mit Emma Thompson lief 2016 auf der Berlinale und auch im Theater ist "Jeder stirbt für sich allein" wieder öfter zu sehen – nun auch am Hans-Otto-Theater in Potsdam.

Die Regisseurin Annette Pullen und ihr Dramaturg Christopher Hanf haben eine Textfassung erstellt, die geschickt die Kernhandlung herausdestilliert. Da geht es um ein Ehepaar, Anna und Otto Quangel, das kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs die Nachricht erhält, der Sohn sei in Frankreich gefallen. Für die beiden, die zuvor eigentlich immer die Nazis gewählt hatten, ein herber Schlag. Aus ihrem Schmerz heraus beginnen sie Postkarten gegen den Krieg zu schreiben, in der Hoffnung, Menschen zum Widerstand motivieren zu können. Die Karten legen sie in Hausfluren aus – bis sie von der Gestapo gefasst werden.

Ein Gesellschaftsbild

Der Roman erzählt ausführlich nicht nur von den beiden, sondern auch von den Menschen um sie herum – schon allein das Haus in der Berliner Jablonskistraße, in dem sie wohnen, ist ein Kosmos für sich. Zu den Nachbarn der Quangels zählen ein Spitzel und Gelegenheitsdieb, Frau Rosenthal, deren Mann schon deportiert wurde, und ein Kammergerichtsrat, der die Jüdin versteckt. Dazu kommen die Briefträgerin, die die Todesnachricht überbringt, die Verlobte des Gefallenen, der Kommissar, der die Ermittlungen leitet. Fallada hat jeden einzelnen genau beschrieben. Es ging ihm um ein Gesellschaftsbild.

Auch die Inszenierung beschränkt sich nicht auf die Geschichte der Quangels. Sie beschreibt das Klima der Angst, das die Nazis erzeugten. Der Titel "Jeder stirbt für sich allein" weist schon darauf hin, dass es um Menschen geht, die keine Solidarität kennen. Jeder kann jeden denunzieren, und wer auch nur in den Verdacht gerät, gegen das Regime zu sein, ist erledigt.

Ohne Pathos

Aber es geht auch um das Gewissen des Einzelnen. Was soll ich tun, wenn ich erkenne, dass das System, in dem ich lebe, unmenschlich ist? Ist es meine Pflicht, Widerstand zu leisten? - Die Passagen, in denen Otto Quangel über seine Motive spricht, sind ausführlich im Stück enthalten. Er weiß, dass er mit seiner Postkartenaktion nur wenige Menschen erreicht, er weiß, dass er sterben wird, falls man ihn schnappt, doch er weiß auch, dass es richtig ist, was er tut. Deswegen ist er mit sich im Reinen – und seine Frau ebenso. Sie schweben in größter Gefahr, sind aber die einzigen im Stück, die keine Angst haben …

Katja Zinsmeister und Jon-Kaare Koppe spielen die beiden ohne großes Pathos. Die Quangels sind sehr einfache Leute, die um ihr Tun kein großes Gewese gemachen. Am Anfang sieht man sie an ihrem Küchentisch sitzen und spürt, dass sie sich nach 30 Jahren Ehe nicht mehr viel zu sagen haben. Die Postkartenaktion ist für sie ein neuer Lebenssinn und lässt ihre Gefühle noch mal aufblühen – aber (wie gesagt) ohne Pathos. Das ist auch das Regiekonzept. Die Inszenierung will nichts romantisch verklären, sondern eine innere Notwendigkeit zeigen. Da wird vieles nur angedeutet, was im Roman Seiten füllt. Vieles wird nicht direkt gespielt, sondern von Erzählern berichtet. So kann die Handlung gerafft werden. Die Intensität entsteht durch die Präzision des Spiels. Die Empfindungen der Figuren werden in der jeweiligen Situation kurz und knapp gezeigt, - und das machen Katja Zinsmeister und Jon-Kaare Koppe ganz großartig, ebenso wie Arne Lenk als Kommissar, Laura Maria Hänsel als Trudel und Nadine Nollau als Briefträgerin. Trotz der Schlichtheit entsteht eine emotionale Intensität.

"Jeder stirbt für sich allein": v. links n. rechts: Katja Zinsmeister, Hannes Schumacher, Arne Lenk, Jon-Kaare Koppe, Rita Feldmeier, Nadine Nollau
Bild: Thomas M. Jauk

Das Bühnenbild von Iris Kraft zeigt einen modernen Wohnblock, der auf der Drehbühne steht – mal blickt man in die kleine Wohnküche der Quangels, mal auf eine glatte Straßenfront, mal ins Polizeirevier. Durch das abstrakte Design wird die Fokussierung auf die Nazizeit aufgehoben. Man spürt, dass die Geschichte überall spielen kann, wo ein Klima der Angst herrscht – auch im Hier und Jetzt. Die Kostüme erinnern an die 40er Jahre, aber es gibt auch Latexhosen und moderne Pistolen. Die Musik erinnert an alte amerikanische Krimis. Im ersten Moment scheint das alles nicht zusammen zu passen, dann aber doch – es geht nicht um eine Dokumentation über Nazizeit, sondern um eine zeitlose Parabel, die zudem spannend erzählt wird. Starker Premierenapplaus im Hans-Otto-Theater.

Oliver Kranz, kulturradio

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