Jugend ohne Gott im Maxim Gorki Theater.
Bild: Ute Langkafel / Maxim Gorki Theater

Maxim Gorki Theater - "Jugend ohne Gott"

Bewertung:

Überfordert von Plastikmüll und Klimawandel: Tina Müller hat auf der Grundlage des Horváth-Romans "Jugend ohne Gott" recherchiert, nach welchen Maßstäben junge Menschen heute leben – ein plausibles, aber schmales Generationenporträt, das Nurkan Erpulat mit energiegeladenen Spielern inszeniert.

Sieben junge Menschen stehen auf der schwarzen Bühne, hinter ihnen ragt die steile Kurve einer Halfpipe in die Luft. Dutzendfach sind sie hier schon hinaufgeklettert und wieder abgerutscht – sisyphosartiges Abmühen in der Leistungsgesellschaft. Jetzt zucken die Nachwuchsspieler mit ihren Gliedmaßen, als seien sie Marionetten, deren Arme und Beine von unsichtbaren Fäden bewegt werden. Helena Simon schreit ihre Überforderung heraus:        

"Von mir wird erwartet, dass ich den Müll trenne. Von mir wird erwartet, dass ich mein Gemüse nicht in Plastik verpackt einkaufe. Von mir wird erwartet, dass ich so aussehe, wie die Instagram-Models. Von mir wird erwartet, dass ich mir eine kritische, eigene politische Meinung bilden soll. Sie darf aber auf keinen Fall radikal sein. Von uns wird erwartet, dass wir in den Klima- und Nachhaltigkeitsfragen die richtige Lösung finden, und zwar bald."

 

Empathielos und unerbittlich

Die Schweizer Autorin Tina Müller hat in ihrer Bühnenfassung des Romans die Perspektive verkehrt. Während Horváth aus der Sicht eines Lehrers erzählt, der abgestoßen ist von der moralischen Verrohung seiner Schüler, schaut Müller ins Innere der Jugendlichen und versucht zu entschlüsseln, weshalb sie empathielos und unerbittlich sind bis zum Mord.

Müller holt Horváth jedoch auch in die Gegenwart: Welche Generation wächst heute heran, für welche Werte steht sie – in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft politisch neu radikalisiert? Die Jugendlichen werden nicht mit Nazi-Propaganda infiltriert, sondern zu Flüchtlingen befragt und zum Coltan-Abbau in Afrika.

Schweigen macht mitschuldig

Nurkan Erpulat inszeniert den Text zunächst wie einen Krimi: Die Schüler werden verhört, wer den Mitschüler N. – hier ist es eine Mitschülerin – im Zeltlager mit einem Stein erschlagen hat. Verdächtigt wird zuvorderst Z. – er hatte geschworen, jeden umzubringen, der sein Tagebuch liest und N. beschuldigt, das Kästchen aufgebrochen zu haben, in dem das Büchlein lag. Gelesen hat es aber nur der Lehrer, sein Schweigen macht ihn mitschuldig am Mord.

Überbordende Energie

Wie in Polizeiakten werden die Schüler im Profil ausgeleuchtet, Namensschilder vor der Brust. Sie sprechen im Chor, hetzen sich über die Bühne, verfolgt und eingefangen von einer Live-Kamera. Charakteristische Typen sind diese jungen Spielerinnen und Spieler, mit überbordender Energie.

Umgekehrte Schuldfrage

Der Abend kehrt die Schuldfrage um: Verantwortlich sind nicht die Jugendlichen, sondern die Welt, in der sie leben. Schon bei Horváth erkennt der Lehrer, dass seine Schüler lediglich die Rassismen nachplappern, die sie bei ihren Eltern aufschnappen. Hier jedoch wird auch der Lehrer zur Rechenschaft gezogen. Erst am Ende tritt er selbst auf  – bis dahin persiflieren ihn die Schüler als verdrucksten Schwächling. Nichts kann er ihnen beibringen, unfähig ist er zu erklären, warum man Schwarze nicht mehr "Neger" nennt.

Plausible Perspektivumkehrung

Die Jugendlichen stecken in einem Wertevakuum, das anfällig macht für Ideologien jedweder Art.

Bei Horváth sollen sie für den Krieg fit gemacht werden – heute sind sie überfordert von den Ansprüchen einer grenzenlosen Welt. Nachvollziehbar, dass sich eins der Mädchen in eine rechtsextreme Wertewelt rettet, die klare Antworten gibt.

Die grundlegende Manipulierbarkeit und Verführbarkeit des Menschen, die Horváth konstatiert, wird dabei nicht thematisiert. Ohnehin zitieren Müller und Erpulat nur einzelne Roman-Motive, im Zentrum steht der moralische Druck, den Erwachsene auf junge Menschen ausüben.

Entstanden ist eine plausible Perspektivumkehrung, die als Generationenporträt allerdings  zu eindimensional gezeichnet ist. Warum die Jugendlichen morden, lässt sich kaum mit der Überforderung durch Plastikmüll und Klimawandel erklären. Die Verfassung der jungen Generation Hier und Heute hätte eine noch genauere Analyse verdient gehabt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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