"Popular Mechanics" (Peking) | FIND festival 2019
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Schaubühne Berlin | FIND festival - "Popular Mechanics"

Bewertung:

Beim Festival Internationaler Neuer Dramatik in der Schaubühne -  kurz FIND -  ist erstmals auch eine chinesische Produktion zu Gast. In dem Stück "Popular Mechanics" lassen der Regisseur Li Jianjun und seine New Youth Group Figuren der Film- und Literaturgeschichte Gestalt werden, deren Geschichten sich mit denen der Bühnenakteure überlagern.

Die Inszenierungen der Berliner Schaubühne sind auf der ganzen Welt gefragt. Als das Ensemble im September allerdings seine Volksfeind-Inszenierung in Peking zeigte, wurde der Intendant Thomas Ostermeier zur Theaterleitung gerufen – anscheinend hatte man mit dem Publikum zu offen über Meinungsfreiheit diskutiert. Die folgenden Vorstellungen wurden zensiert, weitere Gastspielstationen sagten die chinesischen Behörden ab. Erlaubt aber wurde jetzt die Reise der Pekinger Theatergruppe "New Theatre Group" nach Berlin. Zum ersten Mal gastierte damit an der Schaubühne beim Festival für Internationale Neue Dramatik (FIND) ein Gastspiel aus China.

Die "New Theatre Group" ist eine Pekinger Truppe um den Regisseur Li Jianjun. 2011 zeigte er bereits ein Gastspiel in Berlin, vor zwei Jahren war eine Arbeit bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Ostermeier hatte bei der Pressekonferenz vorab gesagt, er möchte dieses besondere Gastspiel nicht an die große Glocke hängen, um keine schlafenden Hunde bei der Zensurbehörde zu wecken. Wie vorsichtig man tatsächlich sein muss, ist für Außenstehende schwer einzuschätzen – jedenfalls konnte die Gruppe bislang einige Male im Ausland spielen.

Reflektion

Von sich selbst sagt die "New Theatre Group", ihr Name spiele auf die Neue Kulturbewegung um 1915 in China an, bei der für Demokratie, Emanzipation und gegen die strenge konfuzianische Tradition gekämpft worden ist. Es ist eine freie Gruppe, die die Alltagsexistenz, die Lebensumstände der chinesischen Bevölkerung untersuchen und darstellen möchte. Das macht sie mit Schauspielern wie auch mit Laiendarstellern. Die Menschen sollen, so heißt es vage, beim Sehen der Aufführung über ihr Leben reflektieren.

In "Popular Mechanics" sieht man auf einer großen Leinwand zunächst im Zeitraffer-Video die Arbeit an einem großen Bau: Fundamente entstehen, Wände werden hochgezogen. Dann betreten zwölf Laiendarsteller die Bühne, Männer und Frauen, Junge und Alte, mit und ohne Theatererfahrung. Einzeln oder zu zweit treten sie ans Mikrofon, sagen, wie und warum sie zu dieser Inszenierung gekommen sind, warum sie Theater spielen wollen. Im Anschluss performen sie kleine Szenen: Sie zitieren aus Dramen oder Filmen, mit denen sie in ihrem Leben etwas verbinden, die ihnen wichtig sind.

Symbolträchtig

Man konnte davon ausgehen – so war es angekündigt – auf diese Weise etwas über die Ideale der Menschen in Peking, über ihre Wünsche und Hoffnungen zu erfahren. Sie präsentieren dann allerdings gerade nicht ihre Helden und Vorbilder, holen keine identitätsstiftenden Figuren hervor. Die Sequenzen stammen aus allen Himmelsrichtungen der Film- und Dramengeschichte. Mini-Szenen aus im Westen kaum bekannten asiatischen Filmen werden angespielt. Ein Akteur, ein ausgebildeter Tänzer, zieht sich aus, horcht mit dem Mikrofon seinen nackten Körper ab.

Man zitiert aus Kriegsfilmen, doch auch Hamlets Gefährte Rosenkranz kommt zu Wort. Ein stämmiger Mann stolziert als Lopachin aus Tschechows Kirschgarten über die Bühne – der neureiche Parvenü, der alles aufgekauft hat und die prächtigen Häuser der Zukunft bauen wird. Es bleibt unmöglich zu entschlüsseln, welche Verbindung ein Spieler ausgerechnet mit dieser oder jener – mitunter unsympathischen – Nebenrolle haben soll. Dafür wirken die Ausschnitte immer symbolträchtiger.

Hamlet

Dass lediglich ein solch oberflächlicher Zitate-Salat im Zentrum steht, ist schwer vorstellbar. Doch man kann als westlicher Zuschauer nur Vermutungen anstellen, welche politischen Botschaften unter dieser Auswahl stecken mögen. Jedenfalls gibt es klare Setzungen des Regisseurs: Ein kleiner chinesischer Junge spricht ausgerechnet Macbeths düsteren Monolog: "Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild, ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht sein Stündchen auf der Bühn’ und dann nicht mehr." Später werden Zuschauer auf die Bühne geholt, die aus Heiner Müllers "Hamletmaschine" vorlesen sollen und aus Elfriede Jelineks kritischem Diktatoren-Stück "Am Königsweg".

Mehrmals kommt Hamlet vor, Shakespeares dunkler Zweifler und Träumer, der in der korrupten, irren Welt nur noch in Rätseln spricht. Immer wieder stehen Träume im Mittelpunkt, etwa, wenn eine junge Darstellerin ein Lied aus "La La Land" singt, darin heißt es übersetzt: "Ein Hoch auf diejenigen, die träumen, mögen sie auch töricht scheinen! Ein Hoch auf das Chaos, das wir anrichten!" Immer, wenn eine Szene zu Ende ist, klingelt schrill ein Wecker, holt einen die Realität ein.

Schwer dechiffrierbar

Vieles bleibt schwer dechiffrierbar an diesem Abend – doch eines wird immer deutlicher: Gegen das Leben der kruden Realitäten und kranken Alltagswirklichkeit, des Profits, des unkalkulierbaren Fortschritts (symbolisiert durch die Bilder des in Windeseile hochgezogenen Gebäudes zu Beginn) behauptet sich das Theater, die Welt der Träume, der Sehnsüchte, der besseren Wahrheit. Zwei Welten stehen in Opposition zueinander. Konkreter wird es nicht – darf und muss es für chinesische Zuschauer in Peking vermutlich auch nicht.

Aus ihrem Kontext gerissen kann man eine solche Produktion in Deutschland kaum einschätzen oder bewerten – darin offenbart sich das Problem eines internationalen Festivals. Nach knapp zwei Stunden respektvoller Applaus – doch anders als bei den bislang häufig zugänglichen, fast didaktischen dokumentarischen Gastspielen des FIND bleibt man hier ziemlich ratlos zurück.

Barbara Behrendt, kulturradio

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