Johann Kaspar Mertz: "The Last Viennese Virtuoso"; Montage: rbb
Bild: Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Gitarre - Johann Kaspar Mertz: "The Last Viennese Virtuoso"

Bewertung:

Einen Rückwärtssalto ins Wien der 1850er Jahre macht Frank Bungartens aktuelle CD mit Werken des aus Bratislava stammenden Johann Kaspar Mertz.

Gitarrenfieber in Wien

Wer damals als Gitarrist am Puls der Zeit sein wollte, kam um Wien, den Nabel der musikalischen Welt, nicht herum. Hier fanden sich Virtuosen und Komponisten gleichermaßen ein, denn hier tummelte sich nicht nur ein begeistertes Publikum, sondern auch Kollegen und Konkurrenten sowie die besten Instrumentenbauer.

Um 1840 kam der Mittdreißiger Johann Kaspar Mertz hier an und löste eine letzte große Begeisterungswelle für gitarristische Höchstleistungen aus.

Der Virtuose und Komponist kam nicht nur um des Ruhmes willen in die Metropole, sondern auch, um einen Instrumentenbauer zu finden, der ihm ein Instrument bauen könnte, das seiner Musik den klanglichen Nachdruck verleihen würde. Er fand ihn in Johann Georg Stauffer, dem Leittier der Gitarrenbauer-Gilde, der so erfolgreich war, dass er bis zu sechs Gesellen beschäftigte.

Klangrausch auf zehn Saiten

Gemeinsam entwickelten sie ein Instrument, das sich eklatant vom gerade etablierten Normaltypus der sechssaitigen Gitarre unterschied.

Frank Bungarten hat nun seinerseits den in Nottingham residierenden Spezialisten für feinste Gitarren, Gary Southwell, aufgesucht, damit dieser ihm ein solches Idealinstrument nachbaue: Augenfälligstes Merkmal dieses Sonderlings ist ein zweiter Hals, auf den vier Bordunsaiten gespannt werden, die dem Instrument einen größeren Tonvorrat durch das zusätzliche Register verleihen. Ein zweiter Boden sorgt dafür, dass der eigentliche Boden nicht durch den Körper des Spielers am Schwingen gehindert wird. Ergo: mehr und vor allem tiefere Töne.

Was das Klavier kann, kann die Gitarre auch!

Mertz' Kompositionen, die meistens mit einer sechssaitigen Gitarren des heute gebräuchlichen modernen Typs – also der Torres-Bauweise – gespielt werden, erhalten durch ein zehnsaitiges Instrument einen ganz neuen Klang: obertonreich, weich und rund, mit klar umrissenen Rändern. Und auf diesem Instrument wird deutlich, welches Klangideal Mertz verfolgte: Er wollte der Gitarre mehr Durchsetzungskraft und Strahlkraft geben, sie durch einen erweiterten Tonumfang für größere Konzertsäle attraktiver machen.

Bungarten und Mertz

Bungarten hat den in Nottingham beheimateten Gary Southwell beauftragt mit dem Nachbau einer solchen zehnsaitigen Gitarre. Vorbild war ein Instrument von 1861, das von dem Stauffer-Schüler Johann Gottfried Scherzer stammt. Southwell ist ein besonders schönes Instrument gelungen mit ausgewogenen Registern und warmem Klang.

Eine Gitarre, die mit Bungartens Spielweise ohrenfällig gut harmoniert: Den Klang der Bordunsaiten weiß Bungarten in gesundem Maß und klar umrissen einzusetzen, ohne dass diese in schlimmster Bordun-Manier durchklingen. Sein Klangideal eines warmen, intimen, kompakten Gitarrentons kommen Mertz' Werken und deren Realisierung auf der zehnsaitigen Gitarre sehr entgegen.

Fazit: eine selten erwähnte Seite des Wiener Musiklebens

Das von Bungarten ausgewählte Repertoire zeichnet ein vielseitiges Bild des Musikgeschmacks des damaligen Publikums: Lied-Bearbeitungen von Schubert, formal freie Fantasien und Programmmusik sind enthalten. Die Virtuosität der einzelnen Stücke ist recht unterschiedlich – die Gitarre wurde ja nicht nur von Virtuosen gespielt, sondern war bei musizierenden Laien und vor allem höheren Töchtern sehr beliebt.

Die CD rückt mit Mertz einen Komponisten ins Licht, der zu Lebzeiten in Wien ein Star war und die Gitarrenliteratur entscheidend bereichert hat, der aber in der heutigen Wahrnehmung allzu sehr im Schlagschatten der pianistischen Größen steht.

Silke Mannteufel, kulturradio

Weitere Rezensionen

"Joseph Haydn: Stabat Mater"; Montage: rbb
Carus | SWR2

Chormusik - Joseph Haydn: "Stabat Mater"

Der Kammerchor Stuttgart hat zusammen mit namhaften Solisten und der Hofkapelle Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius das "Stabat Mater" von Joseph Haydn als neue CD herausgegeben.

Bewertung: