Karl Böhm: The Early Years © Warner Classics | Montage: rbb
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Orchester - "Karl Böhm: The Early Years"

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In einer Box mit 19 CDs hat die Warner erstmals alle frühen Aufnahmen des österreichischen Dirigenten Karl Böhm gesammelt vorgelegt. Ist es dieser Dirigent überhaupt noch wert, erinnert zu werden?

Unter den deutschen Dirigier-Karrieren der 30er und 40er Jahre repräsentiert Karl Böhm (1894-1981) das wohl prominenteste Beispiel eines politischen Opportunisten, der seine Karriere nach dem Krieg unbehindert fortsetzen konnte. Andererseits: Kein Ruf eines Mozart-Spezialisten ist seither so tief gestürzt wie der seine. Außer in Wien, wo Böhms Ruhm immer noch gilt, weiß kaum noch jemand, was dieser Mann wert sein mag.

Die Kollektion seiner frühen Aufnahmen aus den grausigsten Jahren, nämlich von 1935 bis 1949 (darunter sämtliche Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden, die er 1934 willfährig für den von den Nazis verjagten Fritz Busch übernommen hatte), kann hier jetzt erstmals Klarheit schaffen.

Struktur-Durchblick, Klangschönheit und Erziehungsfähigkeit

Ein gewisses, zeittypisches Parteitagsgetöse mag einigen Aufnahmen nicht völlig abzusprechen sein. Doch Böhm zeigt in seinen Brahms-, Bruckner- und auch Mozart-Aufnahmen der 30er- und 40er Jahre zugleich so viel Struktur-Durchblick, Klangschönheit und Erziehungsfähigkeit gegenüber Orchestern (die damals technisch noch nicht so gut waren wir heute), dass man hier immer wieder unwillkürlich aufhorchen muss. Vor allem verrät Böhm eine Elastizität und rhythmische Flexibilität, die man nicht einfach mit Militär-Drill verwechseln sollte (sie ist nicht "exerzierfähig"). Derlei kennt man beim späteren Grantler und Proben-Schikanierer Böhm nicht mehr (der sich stets einen Musiker herauspickte, um ihn abzukanzeln).

Sein früher Wagner ist biegsamer, sein früher Bruckner erdiger und sein früher Lortzing tänzerischer als man dies annehmen würde. Hinzu kommen Gastspiele der größten Solisten der damaligen Zeit, darunter Edwin Fischer, Wilhelm Backhaus, Walter Gieseking und Sänger wie Kirsten Flagstad, Hans-Hermann Nissen und Elisabeth Schwarzkopf. Die Aufnahmen repräsentieren weniger einen Parteiausweis aus schlimmster Zeit. Sondern scheinen fast eine orchestrale Kunst-Insel inmitten politischer Verwerfungen zu vermessen.

Da Böhm kein Parteimitglied gewesen war (anders als sein glamouröserer Rivale Herbert von Karajan), wurde er nach dem Krieg zwar mit einem vorübergehenden Auftriffsverbot belegt, konnte seine Karriere aber sogar international weiterverfolgen (was 1956 zu einem Zerwürfnis mit der Wiener Staatsoper führte; Böhm dirigierte zu oft in Amerika...).

Die Box, in der die frühen Dokumente Böhms erstmals umfassend versammelt sind, lehrt, warum sein Name später nicht einfach in den Orkus gekippt werden konnte (außer für seine Mozart-Aufnahmen, mit denen er zum Feindbild der historischen Aufführungspraxis avancierte). Er war handwerklich zu gut dafür. Dies sind – abgesehen von den späteren Strauss-Einspielungen – die wohl einzigen Aufnahmen, die heute noch eine Beschäftigung mit diesem Dirigenten lohnen. Schlimm, aber wahr.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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